Frauke und Holger Sonnabend
Frauke und Holger Sonnabend

Reise-Erlebnisse

Das syrische Tuch

Luftbild von Palmyra

2010/2011 waren wir dreimal in Syrien. Für Oktober 2011 war eine vierte Reise fest geplant, alles war schon organisiert. Doch der Bürgerkrieg machte einen Strich durch die Rechnung. Seitdem besteht keine Gelegenheit mehr, das Land mit seinen archäologischen und historischen Schätzen zu besuchen. Vielleicht ändert sich das auch wieder. Aber einstweilen bleibt nur die Erinnerung, auch an die Menschen mit ihrer beeindruckenden Gastfreundschaft.

Zitadelle von Palmyra

Zu den Highlights einer Syrien-Tour zählt der Besuch in der Oasenstadt Palmyra, Drehscheibe des antiken Handels mit Verbindungen bis nach Indien und China. Hier regierte im 3. Jahrhundert n. Chr. die Königin Zenobia, in populären Darstellungen gerne als „Königin aus der Wüste“ tituliert. Die energische und machtbewusste Monarchin sorgte für Furore, als sie Palmyra, das nominell zu Roms Herrschaftsgebiet gehörte, für autonom erklärte und zugleich den Titel einer römischen Kaiserin annahm. Später musste sie vor dem rechtmäßigen Kaiser kapitulieren und hatte in dem ihr verordneten Exil in Italien viel Zeit, an Palmyra zu denken und mit ihrem Schicksal zu hadern (dieser Version ist unter den konkurrierenden Darstellungen der antiken Quellen über ihr späteres Leben der Vorzug zu geben).

Baal-Tempel von Palmyra (2010)

Nicht einmal Zenobia ahnte, dass Palmyra mal zu einer der bedeutendsten archäologischen Stätten in der gesamten antiken Welt werden würde. Bis vor neun Jahren war in der imposanten Ruinenstadt immer viel los. Hunderte von fliegenden Händlern waren unterwegs, liefen neben den Touristen her und versuchten ihnen ihre diversen Waren zu verkaufen. Einige standen auch morgens vor den Hotels, um die Touristen abzufangen, bevor sie in die Busse stiegen.

So war es auch an jenem Morgen im Herbst 2010, als einer von ihnen das Geschäft seines Lebens machte. Meine Frau hatte ihren Sonnenhut im bereits im Bus verstauten Koffer gelassen. So kaufte sie einem der Händler ein Tuch ab, als Schutz vor der Sonne. Der freundliche junge Mann war beglückt, und seine Stimmung steigerte sich noch weiter, als auch andere aus unser Gruppe Gefallen an seinen Tüchern fanden. Als Sofortmaßnahme zur Förderung der syrischen Wirtschaft entschloss ich mich, ihn bei seinen Verkaufsgeschäften zu unterstützen und ermunterte die potenzielle Kundschaft, aus dem Stadium des Interesses in den Modus des Kaufentschlusses zu wechseln. Bald konnte gemeldet werden: „Tücher komplett ausverkauft!“

Tetrapylon von Palmyra (2010)

Aus syrischen oder überhaupt arabischen Tüchern, mit den Maßen 1,50 mal 0,50 Metern, einen sowohl schützenden als auch dekorativen Sonnenschutz zu formen, kommt, wie Eingeweihte wissen, einer Wissenschaft gleich. Eine Bedienungsanleitung war unglücklicherweise nicht mitgeliefert worden. So sahen die Konstruktionen der stolzen neuen Tuchbesitzerinnen eher provisorisch, in einzelnen Fällen sogar abenteuerlich aus. Wir fuhren mit dem Bus vom Hotel zur Ausgrabung von Palmyra. Am Abend zuvor hatten wir sie schon, im romantischen Licht des Sonnenuntergangs, oben von der Zitadelle aus bewundert, eskortiert von den allgegenwärtigen fliegenden Händlern. Nun trafen wir sie unten in der Ausgrabung wieder. Nicht unseren glücklichen Tuchverkäufer, der sich aufgrund seines sensationellen Geschäftserfolges vielleicht ein paar Tage Sonderurlaub genehmigt hatte. Aber viele seiner emsigen Kollegen waren da, die uns freudig begrüßten. Wir kannten sie bereits vom letzten Abend, manche sogar schon von unserer Syrien-Reise im Frühjahr. Auch wir begrüßten sie sehr herzlich.

Das syrische Tuch (Bild E. Pochic)

Der Anblick der Tuches meiner Frau brachte sie allerdings kurz aus der Fassung. Nein, so legt man ein syrisches Tuch nicht an! Wir zeigen euch, wie man es richtig macht! Und nur wenige Sekunden später war das Werk fertig: Ein harmonisch und kunstvoll über der Frisur geschlungenes Tuch. Meine Frau hatte genau hingeschaut und konnte auf künftigen Reisen in arabischen Ländern mit einem professionell angebrachten Supertuch Pluspunkte sammeln und Sympathien ernten.

 

Bei unserer nächsten und letzten Syrien-Reise im März 2011 sahen wir unsere jungen Händler wieder. Und abermals gab es eine herzliche Begrüßung samt Lob für das richtig angebrachte Tuch. Einer von ihnen hatte feurige rote

Haare, vermutlich eine genetische Reminiszenz an die Kreuzfahrerzeit, als normannische Seefahrer ins Land gekommen waren. Als wir wieder gingen, sagten wir ihm: „Wir sehen uns im Herbst wieder.“ Und er antwortete: „Maybe I'm not here – I`m a beduine.“ - „Vielleicht werde ich nicht da sein – ich bin ein Beduine.“ Ob er im Oktober 2011 noch da war oder seine Zelte in Palmyra abgebrochen hatte, was überhaupt aus ihm geworden ist – das konnten wir nicht mehr in Erfahrung bringen, weil wir nicht mehr nach Syrien reisen konnten. Aber im Lichte dessen, was seitdem in Syrien alles passiert ist, haben seine Abschiedsworte noch eine ganz besondere Bedeutung erhalten.

Gräber von Palmyra (2010)

Epilog

 

Die Geschichte unseres Syrischen Tuches ging noch weiter. 2013 hatte meine Frau es auf einer Reise in Äthiopien dabei. Sie vergaß es in einem der Hotels. Wir erzählten Addis, unserem äthiopischen Begleiter, von dem Verlust. Als wir schon längst wieder zu Hause waren, kam per Post ein ziemlich ramponiertes Paket. Inhalt: Das unversehrte Syrische Tuch. Addis hatte keine Kosten und Mühen gescheut, uns das wertvolle Stück nach Deutschland nachzuschicken.

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