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Holger Sonnabend - Geschichte aktuell

Vercingetorix - Der große Gallier

 

Rom, 46 v. Chr. Schon seit sechs Jahren fristet der prominente Gefangene ein trauriges Dasein im Kerker. Am Leben hat man ihn nur deswegen gelassen, weil Iulius Caesar ihn als Attraktion in seinem Triumphzug vom Forum Romanum zum Kapitol präsentieren will. Und was danach kommt, weiß der Häftling genau: Ihn erwartet der sichere Tod. Wie er gehört hat, wird es nicht mehr lange dauern. Der große Diktator ist bereits nach Rom zurückgekehrt, nach glanzvollen Siegen über seine innerrömischen Gegner.

Vercingetorix

Sechs Jahre zuvor war der Gefangene noch ein strahlender Held gewesen, die Hoffnung aller Gallier im Kampf gegen die römischen Besatzer. Damals hatte sich Vercingetorix, der junge Häuptling der Averner, an die Spitze der Stämme Galliens gesetzt, und von seinen Anhängern war er zum König ausgerufen worden. Schon bei seinem Aufstieg zum Anführer der Gallier hatte er außergewöhnliche Qualitäten unter Beweis gestellt. Denn manch altem Stammesfürsten kam der ehrgeizige und machtbewusste Averner etwas zu forsch daher. Um ihren eigenen Einfluss fürchtend, hatten die Kontrahenten ihn sogar zeitweise ins politische Abseits manövriert. Aber dann spielte Vercingetorix seinen größten Trumpf aus. Wem, so verkündete er, nutzten die internen Streitigkeiten? Hatte man nicht eine viel wichtigere Aufgabe – die Befreiung Galliens von den römischen Invasoren? Der wahre Feind waren doch die römischen Legionen unter ihrem Feldherrn Gaius Iulius Caesar.

Keinen musste Vercingetorix eigens daran erinnern, mit welch fadenscheinigen Begründungen Caesar nach Gallien einmarschiert war. Die Wanderungen einiger germanischer und keltischer Stämme, die auf der Suche nach neuen Siedlungsplätzen waren, hatten die Römer als eine Gefahr für die römischen Provinzen in Oberitalien und im südlichen Frankreich ausgegeben. Das war natürlich nur ein Vorwand, auch wenn Caesar in seinem Werk „Der Gallische Krieg“, der Schrecken vieler Lateinschüler, die Invasion zwar sehr überzeugend, aber eben auch realitätsfern als Schutzmaßnahme für das bedrohte Römische Reich deklarierte. In Wirklichkeit, das war auch den Galliern klar, brauchte Caesar kriegerische Erfolge und loyale Legionäre, um sein eigentliches Ziel zu verwirklichen: der erste Mann in Rom zu werden.

Sechs Jahre lang war der Krieg schon im Gange, als Vercingetorix die Gallier um sich scharte und sie auf Widerstand, Freiheit und den Kampf um Gerechtigkeit einschwor. Viele Niederlagen hatte Caesar, der geniale Feldherr und brillante militärische Organisator, den gallischen Stämmen bis dahin zugefügt. Jetzt half nur noch gemeinsames Handeln – und Disziplin. Vercingetorix verlangte viel von seinen Leuten, wer sich nicht fügte, hatte mit drastischen Strafen zu rechnen. Sein römischer Widersacher Caesar will sogar in Erfahrung gebracht haben, dass der Averner unbotmäßige Gallier foltern und anderen zur Abschreckung die Ohren abschneiden ließ. Aber dabei handelte es sich um römische Propaganda.

Alesia

Es war das Jahr 52 v. Chr., als Vercingetorix die Vorbereitungen zur großen Gegenoffensive abgeschlossen hatte. Jetzt hatten es die Römer mit einer schlagkräftigen, hochmotivierten Armee zu tun. Dörfer und Gehöfte wurden von den Galliern niedergebrannt, um den Eindringlingen die Versorgung zu erschweren. Auch durch Rückschläge wie die römische Einnahme der strategisch wichtigen Stadt Avaricum ließen sich die Freiheitskämpfer nicht entmutigen. Eine böse Überraschung bereiteten sie Caesars Armee in Gergovia, das zum Sinnbild des gallischen Widerstandes wurde. Die Belagerung der Stadt endete für die Römer mit einem Fiasko, unter herben Verlusten mussten sie die Belagerung abbrechen und sich zurückziehen.

Während Caesar an seinem Kriegsglück zu zweifeln begann, kannte der Jubel bei den Galliern keine Grenzen. Sollte es ihnen tatsächlich gelingen, die scheinbar übermächtigen Römer aus dem Land zu vertreiben? Doch die wichtigste Schlacht stand erst noch bevor. 80.000 Leute zog Vercingetorix nun in Alesia zusammen, dem heutigen Alise-Sainte-Reine in Burgund. Hier wollte der Anführer der gallischen Widerständler die Entscheidung erzwingen. Die Chancen standen nicht schlecht: Die Stadt war gut befestigt und befand sich zudem in geschützter Lage auf einem Hügel.

Caesar, der seine Entschlossenheit wiedergefunden hatte, ließ sich nicht lange bitten. Die Legionäre begannen damit, einen Belagerungsring zu errichten. Drinnen feuerte Vercingetorix die Verteidiger an, draußen bekamen die Römer unerwartete Schwierigkeiten. Denn plötzlich wurde die belagernden Römer selbst zu Belagerten. In Scharen strömten aus allen Richtungen gallische Krieger herbei, um den in Alesia Eingeschlossenen zu helfen. Caesar lief zu Höchstform auf. Er teilte seine Truppen so ein, dass die einen die Angreifer von außen abwehrten, die anderen den Sturm auf Alesia fortsetzten. Machtlos musste Vercingetorix mit ansehen, wie die Römer immer weiter vordrangen. Die Lage der Gallier wurde immer verzweifelter. Antike Quellen sprechen vom „Heulen der Männer und Wehklagen der Frauen“, deren Moral auf den Tiefpunkt sank, als sie bemerkten, wie die Römer massenhaft silber- und goldbeschlagene Schilde, blutbesudelte Panzer und gallische Zelte als Trophäen in ihr Lager schleppten. Als die Lebensmittel ausgingen und schließlich auch noch die gallischen Hilfstruppen ihr Heil in der Flucht suchten, war die Sache verloren. Der gescheiterte Held Vercingetorix aber bewies in der Niederlage Größe. Er legte seine beste Rüstung an und verließ die Stadt auf einem prächtigen Pferd. Caesar empfing ihn auf einem Sessel thronend. Der gallische Fürst legte die Rüstung ab und setzte sich ruhig zu Caesars Füßen nieder, geduldig abwartend, was nun mit ihm passieren würde.

Sechs Jahre später wird er in Rom hingerichtet. Aber zuvor hat ihn Caesar aus dem Kerker geholt und, wie geplant, im Triumphzug durch Rom geführt. Was waren seine letzten Gedanken? Vielleicht galten sie der Heimat, die nun unter der Herrschaft der Römer stand. Oder hat er geahnt, dass er später einmal zum Nationalhelden werden würde? In Stunden der Not haben die Franzosen später immer wieder an Vercingetorix gedacht und ihm zum Vorbild im Kampf für die Freiheit stilisiert. So hat sich sein Einsatz am Ende doch noch gelohnt.