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Holger Sonnabend - Geschichte aktuell

Die Sintflut – Urform aller Umweltkatastrophen

In der Geschichte und im Mythos ist die Welt schon häufig untergegangen. Am bekanntesten ist die Erzählung von der Sintflut. Sie befindet sich original im Alten Testament im 1. Buch Mose. Gott wollte die Menschen bestrafen und schickte ihnen eine Flutkatastrophe, die 40 Tage und 40 Nächte dauerte. Alles Leben auf der Erde wurde vernichtet. Nur der systemkonforme Noah konnte sich mit seiner Familie auf einer Arche retten, weil Gott ihn zuvor über das nahende Unglück in Kenntnis gesetzt hatte.

Der Ararat

Im 1. Buch Mose wird geschildert, wie unter den Menschen eine immer größere Verderbnis herrschte. Da beschloss Gott, für diese Sünden alle Menschen und alle anderen Lebewesen auf Erden untergehen zu lassen. Nur Noah, der ein gottesfürchtiger Mensch war, sollte mit seiner Familie gerettet werden. Auf die Anweisung des Herrn hin baute er eine Arche, ein geräumiges Schiff mit drei Stockwerken. Dort fanden Noah, seine Frau, seine drei Söhne und deren Frauen Platz. Dazu veranlasste ihn Gott, von jedem Lebewesen ein Paar mit auf die Arche zu nehmen. Auf diese Weise sollte auch das Überleben der Tierwelt nach der großen Katastrophe gesichert werden.

Nach sieben Tagen waren die Vorbereitungen auf der Arche abgeschlossen. Nun taten sich, wie es in der Bibel heißt, „die Fenster des Himmels“ auf, und es regnete 40 Tage und 40 Nächte ununterbrochen. Das Wasser stieg immer mehr an, und bald schwamm die Arche auf den Fluten. Darunter aber wurde alles vernichtet, selbst die Vögel in der Luft blieben nicht verschont, und kein Berg war mehr zu sehen. Auch als der Regen aufhörte, hielten sich die Fluten. Am 150. Tag ließ Gott die Wassermassen allmählich sinken. Die Arche strandete auf den Gipfel des Berges Ararat. Dann kamen auch die anderen Berge wieder zum Vorschein. Noah öffnete ein Fenster und ließ einen Raben hinausfliegen, dann eine Taube. Doch sie kehrte zurück, ohne einen Platz gefunden zu haben, wo sie sich niederlassen konnte. Nach einigen Tagen schickte Noah eine weitere Taube aus, und diese kehrte mit einem Ölzweig im Schnabel zurück. Da wusste Noah, dass die Fluten endlich versickert waren. Gott gab ihm den Auftrag, alle Tiere freizulassen, um sich auf Erden zu mehren. Und er gab ihm das Versprechen, niemals wieder eine solch furchtbare Katastrophe zu schicken: „Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.“ Noahs Söhne Sem, Ham und Japheth aber wurden zu den Stammvätern eines neuen Menschengeschlechts.

Hat es diese Sintflut wirklich gegeben? Die Geschichte von Noah, der Arche und der Flut nimmt ihren Ausgang vom Heiligen Land, dem heutigen Israel. Erwähnt wird in der Bibel der Name, als ein geographischer Fixpunkt, der Berg Ararat. Ein Berg dieses Namens befindet sich im östlichen Analtolien, in der heutigen Türkei. Jedoch kann die Lesung der entsprechenden Bibelstelle nicht ohne weiteres auf diesen Berg Ararat bezogen werden. Und auch archäologische Erfolgsmeldungen der jüngsten Zeit, wonach Forscher am Ararat die Reste eines antiken Schiffes entdeckt haben wollen, müssen mit Skepsis betrachtet werden.

Andere Wissenschaftler haben die Sintflut mit Naturkatastrophen in Verbindung bringen wollen, die sich in ferner Vergangenheit im altorientalischen Raum, ereignet haben sollen. Populär ist eine Theorie, wonach im 7. Jahrtausend v. Chr. der Wasserspiegel des Mittelmeeres durch das Abschmelzen von Gletschern stark angehoben worden sei. Daraufhin hätten sich die Wassermassen durch den Bosporus in das Schwarze Meer ergossen. Andere Forscher sehen als historisches Urbild der biblischen Sintflut ein feuchtes Monsumklima, dass für einen längeren Zeitraum für Überschwemmungen im Gebiet um das Rote Meer gesorgt haben soll.

Wahrscheinlicher ist jedoch, dass es sich bei der Sintflut um einen Mythos handelt, der nach dem Vorbild ähnlicher Berichte aus anderen Kulturkreisen Eingang in die biblische Überlieferung gefunden hat. Am bekanntesten ist das Gilgamesch-Epos. Gilgamesch war ein König der Sumerer im Land zwischen Euphrat und Tigris, im heutigen Irak. Er war in viele Kämpfe verwickelt und suchte vergeblich nach dem ewigen Leben. Auf der 11. Tafel des Gilgamesch-Epos wird die Geschichte von Atrahasis („der überaus Weise“) erzählt. Es war die Zeit nach der Gründung der Welt durch die babylonischen Götter. Die Menschen wurden erschaffen aus Lehm sowie aus dem Fleisch und dem Blut eines geschlachteten Gottes. Die vielen Menschen, die es nun auf der Erde gibt, machen den Göttern jedoch zu viel Lärm, und so versuchen sie, die Zahl der Menschen durch Plagen zu verringern. Der Gott Enki unterstützt Atrahasis bei diesem Plan, doch sind alle Mühen zunächst vergebens. Schließlich senden die Götter eine Sintflut, um die Menschen zu vernichten. Übrig bleibt einzig und allein Atrahasis. Auf einer Arche entgeht er zusammen mit seiner Familie, seiner Habe und einer Auswahl von Tieren der Katastrophe. Da das Gilgamesch-Epos bereits im 2. Jahrtausend v. Chr., also lange Zeit vor dem Alten Testament, entstanden ist, liegt der Verdacht nahe, dass die Bibel sich hier eines bereits vorliegenden Stoffes aus dem Orient bedient hat.

Auch im antiken Griechenland gibt es eine Parallele zur biblischen Sintflut. Verbunden ist sie hier mit dem Namen des Deukalion. Dessen Schicksal wird von mehreren Schriftstellern des Altertums erzählt. Die ausführlichste Schilderung befindet sich in den „Metamorphosen“ des römischen Dichters Ovid (43 v. Chr. – ca. 17 n. Chr.). Im Fall der Griechen ist es deren oberster Gott Zeus, der mit den Menschen unzufrieden ist. Eine Wanderung durch die Welt der Menschen überzeugt ihn davon, dass die Menschen moralisch und sittlich verderbt sind. So beschließt er, das ganze Menschengeschlecht durch eine Flutkatastrophe zu beseitigen. Und so gingen unaufhörlich Regenmassen auf die Erde nieder. Bald gab es keinen Unterschied mehr zwischen Wasser und Land. Fast alle Menschen kamen in den Fluten ums Leben. Wer die Flut überlebte und nicht im Wasser starb an Hunger, da es keine Nahrung mehr gab.

Nur zwei Menschen wurden von Zeus gerettet, nämlich der gottesfürchtige und fromme Deukalion und seine Frau Pyrrha. Sie wurden, wie Noah, vom göttlichen Strafgericht ausgenommen. Wie Noah und Atrahasis kann Deukalion sich und Pyrrha mit einem Schiff durch die Fluten steuern. Schließlich landet die Arche Deukalions auf dem Gipfel des Parnassos-Gebirges. Als der Gott Zeus dann sah, dass die ganze Erde mitsamt ihren Lebewesen völlig vernichtet war, da er nur noch den gottesfürchtigen Deukalion und dessen Frau erblickte, machte er dem Unwetter ein Ende. Er zerstreute die Wolken, befahl dem Nordwind, die Regengüsse zu vertreiben, und er zeigte, wie es bei Ovid heißt, „dem Himmel die Erde und die Erde dem Himmel“.

Wie bei der Noah-Erzählung geht es auch bei Deukalion nach der Flutkatastrophe darum, neues Leben auf der Erde zu schaffen. Während es in der Bibel Noahs drei Söhne und deren Frauen sind, auf die das neue Menschengeschlecht zurück geht, werden Deukalion durch ein göttliches Orakel beauftragt, Steine hinter sich zu werfen. Die Steine, die Deukalion wirft, werden zu Männern, die Steine, die Pyrrha wirft, werden zu Frauen.

Wie die Bibel, so haben sich auch die Griechen bei ihren Sintflut-Geschichten an älteren Erzählungen aus dem Orient, genauer: aus Mesopotamien, orientiert. Das Gilgamesch-Epos kann als Urquelle aller weiteren Berichte über eine Sintflut gelten. Es ist trotz aller Bemühungen nicht nachweisbar, dass es Fluten von solchen Ausmaßen, bei der selbst die höchsten Gipfel der Berge mit Wasser bedeckt gewesen sein, sollen, in Wirklichkeit jemals gegeben hat. Sicher hat es in Mesopotamien, jenem Land, das von den beiden großen Strömen Euphrat und Tigris begrenzt wird, schon immer kleinere oder auch größere Überschwemmungen gegeben. Gleiches wird in bezug auf den Nil in Ägypten überliefert. Sie waren dann die weitgehend harmlosen Vorbilder der Schreckensgeschichten, wie sie in der Bibel, im Gilgamensch-Epos und im Deukalion-Mythos überliefert sind. Es handelt sich nicht um die Wiedergabe realer Vorgänge, sondern um Parabeln oder Gleichnisse, die die Menschen auf den richtigen religiösen Weg bringen sollen. Die Botschaft lautet: Wenn der Mensch sündigt, wenn er kein gottgefälliges Leben mehr führt, dann wird er von Gott oder von den Göttern dafür zur Rechenschaft gezogen. Die Sintflut ist ein Element der Läuterung: Das Wasser ist Sinnbild für die erwünschte Reinigung der Seele. Nur wer ein frommes Leben führt, kann sicher sein, dass er von dem allgewaltigen Gott, den Herrn über Himmel und Erde, nicht auf schreckliche Weise bestraft werden wird.