Geschichte spannend, attraktiv und kompetent präsentiert.

Holger Sonnabend - Geschichte aktuell

Mit erhobenem Zeigefinger: Politiker als moralische Instanz im antiken Rom

 

Gesetze müssen sein. Ohne sie funktioniert kein Staat. Aber Vorschriften? Braucht man Vorschriften? Niemand lässt sich gerne etwas vorschreiben. Auch nicht von Politikern. Und am unpopulärsten sind staatliche Eingriffe in das Privatleben der Bürger, wenn ihnen gesagt wird, was sie zu tun oder zu lassen haben.

Cato der Ältere

Vorschriftengeber sind, wie die Geschichte beweist, nie sehr populär. Auch nicht im antiken Rom. Und doch gab es dort über Jahrhunderte hinweg ein reguläres Amt, dessen Inhaber vielfältige Aufgaben hatten, die aber auch dafür sorgen sollten, dass die Menschen so lebten, wie sie sich das vorstellten. Dahinter stand die Befürchtung, die Bewohner Roms und Italiens könnten sich von jenen Sitten entfernen, die nach Meinung der Autoritäten Rom groß gemacht hatten – allen voran Strenge. Disziplin und Enthaltsamkeit. Der antike Schriftsteller Plutarch notierte: „Weder Ehe noch Kinderzeugung noch die Art, wie einer sein Leben führte und wie er Geselligkeit und Freundschaft pflegte, glaubten sie ungeprüft und unbeaufsichtigt lassen zu dürfen.“

Diejenigen, die für diese Kontrollarbeit zuständig waren, nannte man in Rom „Censoren“ (unverkennbar das sprachliche Vorbild für das moderne Wort „Zensur“). Der berühmteste und zugleich gefürchtetste römische Censor war Cato (mit dem Zusatz „der Ältere“ versehen, weil es später noch einmal einen Cato, „den Jüngeren“, in der Römischen Geschichte gab). Geboren wurde er 234 v. Chr. Damals war Rom noch eine Republik, die Kaiserzeit, die durch exzentrische Herrscher wie Caligula und Nero heute gerne unter dem Etikett „Zustände wie im alten Rom“ firmiert, lag noch in weiter Ferne. Doch hatte sich die Gesellschaft durch intensive Kontakte mit der Welt der lebenslustigen Griechen gewandelt. Viele Römer, zumal aus den Kreisen der Reichen und Vornehmen, begannen, deren lockere Art zu imitieren, setzten auf griechischen Wohnkomfort und teure griechische Kleidung.

Da war aus der Sicht der Gralshüter römischer Disziplin eine Bedrohung für die Gesellschaft. Und so waren sie froh, dass Cato 184 v. Chr., als er 50 Jahre alt war, das Amt des Censors übertragen wurde. Und er enttäuschte die Erwartungen seiner Anhänger nicht. Sofort startete er eine Kampagne gegen den damals in den adligen Schichten grassierenden Luxus und gegen korrupte Senatoren. Wer keinen ordentlichen Lebenswandel (im Sinne Catos) an den Tag legte, riskierte, aus dem Senat und anderen elitären Zirkeln entfernt zu werden. Senatoren, die spät nachts zweifelhafte Etablissements verließen, schauten sich ängstlich um, ob nicht einer von Catos Tugendwächtern in der Nähe war. Wer in einer Taverne mit Freunden beim Weintrinken war, hielt sich beim Konsum lieber zurück – woher sollte man wissen, ob einer dieser Freunde nicht zu Catos Spitzeln gehörte, der ihm am nächsten Tag im günstigsten Fall eine schlimme Moralpredigt halten würde? Wer sich scheiden ließ, bat inständig darum, diesen Tatbestand geheim zu halten, damit auf keinen Fall der Censor Cato davon Wind bekäme.

Natürlich musste sich Cato selbst an seinen eigenen Maßstäben messen lassen. Und er war professionell genug, seinen vielen Gegnern diesbezüglich keine Angriffsfläche zu bieten. Sein Familienleben inszenierte er in einer Weise, dass er, hätte es damals Auszeichnungen und Preise für römische Musterfamilien gegeben hätte, unbedingt Anwärter auf dem ersten Platz gewesen wäre. Bei der Wahl seiner Ehefrau, so versicherte er, habe er weniger auf Reichtum als auf gute Herkunft geachtet. Als seine Frau einen Sohn zur Welt brachte, hinderte ihn nichts daran, nicht einmal eine wichtige politische Konferenz, dabei zu sein, wenn die Mutter den Säugling badete und wickelte (wahrscheinlich nur, wenn Vertreter der antiken Presse zugegen waren). Die Erziehung und Ausbildung seines Sohnes überließ er lieber keinem Lehrer, sondern kümmerte sich in der Überzeugung, das besser zu können als jeder andere, selber um alles.

Eine tiefe Aversion hegte Cato gegen Philosophen und Ärzte, wohl, weil er in diesen intellektuellen Kreisen Konkurrenz in Sachen Deutungshoheit über alles, was wichtig und richtig war, witterte – zumal die meisten aus dem wissenschaftliche fortschrittlichen, für Cato aber dekadenten Griechenland stammten. Wenn sein Sohn krank war, verabreichte ihm der Vater eine selbst komponierte Rezeptur, bestehend aus Gemüse und Enten-, Tauben- oder Hasenfleisch. Letzteres sei, so versicherte er, leicht und für Kranke bekömmlich mit der kleinen Nebenwirkung, dass man nach seinem Genuss viel träume. Diese Diät halte ihn selbst und seine Familie gesund.

Nicht das beste Argument für die Richtigkeit dieser Auffassung war der Umstand, dass Frau und Sohn bald starben. Cato selbst hielt sich besser, heiratete sogar noch einmal und starb 149 v. Chr. im hohen Alter von 85 Jahren. Drei Jahre zu früh, wie sich herausstellte. Denn er verpasste damit die Erfüllung seines größten Wunsches. Jede Rede im Senat hatte er mit den Worten beendet: „Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Karthago zerstört werden muss“ (im lateinischen Original: „ceterum censeo Carthaginem esse delendam“). Im alten Erzfeind Karthago sah er eine ständige Gefahr für Rom. Doch erst 146 v. Chr. wurde die Stadt im heutigen Tunesien von den Römern komplett zerstört.

Früh durch eigene Schuld Frau und Sohn verloren, selbst zu früh gestorben, kluge Leute verprellt, eine genervte Gesellschaft hinterlassen – so wird man sicher keinen offiziellen Nachruf verfassen. Also kommt am Schluss eine diplomatische Formulierung: Cato tat alles, was er nach seiner Überzeugung tun musste. Und damit hat er es geschafft, bis heute einer der bekanntesten Römer zu sein.