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Holger Sonnabend - Geschichte aktuell

Am Rande der Welt - Britannien unter der Herrschaft der Caesaren

 

Gaius Iulius Caesar kannte sich in der Welt gut aus. Über Britannien aber wusste der berühmte Politiker und Feldherr nicht viel. Nicht einmal die wegen ihrer vielen Reisen und Kontakte gewöhnlich bestens informierten Kaufleute und Händler, die Caesar befragte, konnten ihm Auskunft geben. „Wie groß die Insel war, welche Stämme sie bewohnten, wie stark diese waren, welches ihre Kampfesweise war, was für eine Verfassung sie hatten und welche Häfen für die Aufnahme einer größeren Zahl von Schiffen geeignet waren“ – all diese Fragen interessierten Caesar aber brennend.

Jordan Hill Temple

Formuliert hat er sie in seinem propagandistisch meisterhaft angelegten Bericht über den Angriffskrieg, den er zwischen 58 und 51 v. Chr. in Gallien führte und der mit der gewaltsamen Integration des heutigen Frankreich in das Imperium Romanum endete. Während dieses Gallischen Krieges warf Caesar aber auch ein begehrliches Auge über den Kanal hinweg in Richtung Britannien, das für die Römer bis dahin ein völlig unbekanntes Terrain darstellte. Im Herbst 55 v. Chr. startete Caesar mit seiner Flotte von Nordfrankreich aus zu der geheimnisvollen Insel im Nordmeer. Nie verlegen, wenn es darum ging, der Öffentlichkeit mehr oder weniger plausible Gründe für die Einleitung militärischer Aktionen zu liefern, begründete er dieses erste kriegerische Unternehmen der Römer in Britannien mit angeblichen Hilfeleistungen der Kelten in Britannien für die gegen Caesar kämpfenden Kelten in Gallien. In Wirklichkeit dürfte es dem ambitionierten Feldherrn darum gegangen sein, den Senatoren in Rom zu beweisen, dass es für seinen Schaffensdrang keine Grenzen gab. Denn im selben Jahr hatte Caesar bereits den rechtsrheinischen Germanen einen ungebetenen Besuch abgestattet und damit ebenfalls für eine außenpolitische Premiere gesorgt.

Militärisch und politisch erreichte Caesar mit seinem Britannien-Abenteuer ebenso wenig wie mit einer Neuauflage im folgenden Jahr 54 v. Chr. Die keltischen Völkerschaften im Süden der Insel erwiesen ihm nicht den Gefallen, sich von ihm und seinen Legionen unterwerfen zu lassen. Doch war Britannien nun Teil des geographischen und strategischen Horizontes der Römer geworden. Das bedeutete für die Insel und ihre keltische Bevölkerung ein Ende der Isolation. Zwar hatten bereits die kommerziell erfolgreichen Phönizier lange Zeit zuvor den Metallreichtum der Zinninsel zu schätzen gelernt. Und griechische Seefahrer wie der aus Marseille stammende Pytheas, der am Ende des 4. Jahrhunderts v. Chr. eine spektakuläre Nordreise bis zur sagenhaften Insel Thule unternommen hatte, hatten dafür gesorgt, dass Britannien, anders als bei Caesar, wenigstens bei den Griechen kein Buch mit sieben Siegeln mehr war. Mit den Römern aber begann eine kontinuierliche, über 450 Jahre andauernde Phase der Anbindung Britanniens an die mediterran geprägte Kulturwelt der Antike.

Dover Castle

Was Caesar versagt blieb, schaffte Claudius gut 100 Jahre später. Caesars Zeit war die turbulente Phase der ausgehenden Republik mit ihren erbitterten Adelskämpfen gewesen. Aus ihnen ging Augustus als Sieger hervor, der mit dem Prinzipat eine neue, nun monarchische Ordnung etablierte. Claudius war der vierte in der Riege der Kaiser und regierte von 41 bis 54 n. Chr. Auf obskure Weise an die Macht gekommen (Soldaten der kaiserlichen Leibgarde hatten ihn nach der Ermordung seines Neffen Caligula zum Imperator ausgerufen) und von den Zeitgenossen wegen mancher körperlicher und geistiger Defizite nicht wirklich ernst genommen, suchte der Kaiser nach einer Möglichkeit, seiner Herrschaft ein wenig Glanz zu verleihen und fand sie in der Eroberung Britanniens. Wenn er, so das kaiserliche Kalkül, etwas schaffte, woran selbst ein Caesar gescheitert war, dann würde man ihm endlich den gebührenden Respekt entgegen bringen. Günstig wirkte sich bei diesem Vorhaben aus, dass es zu jener Zeit unter den keltischen Stämmen zu erheblichen Spannungen gekommen war. In Camulodunum, dem heutigen Colchester, hatte unter dem Fürsten Cunobelinus eine einheimische Dynastie die Vormachtstellung errungen. Als seine Söhne immer aggressiver gegen die keltischen Nachbarn vorgingen, wandten sich diese in ihrer Bedrängnis an die Römer um Hilfe. Claudius ließ sich nicht lange bitten und ergriff diese Chance des Ruhmerwerbs entschlossen beim Schopf. Vom heutigen Boulogne aus steuerte eine römische Flotte unter dem Kommando des Aulus Plautius im Jahre 43 n. Chr. die britische Küste an. Bei Rutupiae, dem heutigen Richborough, gingen die römischen Soldaten an Land. Sie drängten ihre Gegner immer weiter zurück und erreichten bald die Themse. Auf die günstigen Nachrichten hin eilte Kaiser Claudius höchstpersönlich nach Britannien, um die Früchte des Erfolgs zu ernten. Für kurze Zeit übernahm er den Oberbefehl, ohne damit allzu viel Schaden anzurichten. Camulodunum/Colchester wurde zum ersten römischen Legionslager auf dem Boden Britanniens. Von der Themse an den Tiber zurückgekehrt, ließ sich Claudius in einem grandiosen Triumphzug als Eroberer Britanniens feiern.

Die Hauptarbeit überließ der Kaiser Aulus Plautius und seinen Generälen. Sofort machten diese sich, wie es bei den Römern üblich war, an die Errichtung provinzialer Strukturen. Neben der festen Stationierung von Militär gehörte dazu die Erhebung von Steuern und die Installierung eines Statthalters. Mit diesem verantwortungsvollen Posten betraute Kaiser Claudius praktischerweise gleich den verdienstvollen Britannienkenner Aulus Plautius. Zudem musste es darum gehen, die territoriale Basis der römischen Herrschaft zu verbreitern. Bis dahin stand nur ein relativ kleines Gebiet im Südosten der Insel unter direkter römischer Herrschaft. Plautius und seine Nachfolger widmeten sich in den folgenden Jahren intensiv der schwierigen Aufgabe, den Westen zu unterwerfen. Dabei bot sich genügend Gelegenheit, das einst von Caesar beklagte Defizit an Informationen über die Verhältnisse in Britannien zu beseitigen. Immer wieder stießen die Legionen jedoch auf erbitterten Widerstand. 60 n. Chr., als in Rom Kaiser Nero regierte, blies die Fürstin Boudicca aus dem keltischen Stamm der Icener zum Aufstand gegen die römischen Besatzer. Dabei wurden die von den Römern kontrollierten Städte Camulodunum, Verulamium (St. Albans) und Londinium (London) schwer in Mitleidenschaft zogen. Erst dem Statthalter Suetonius Paulinus gelang es, Boudicca zu besiegen, die daraufhin Selbstmord beging.

Caerwent Wall

Trotz aller Schwierigkeiten ließen die Römer in ihren Bemühungen, die Herrschaft weiter nach Westen und auch nach Norden auszudehnen, nicht nach. Als einer der erfolgreichsten Statthalter ging Iulius Agricola in die Annalen des römischen Britannien ein. Zunächst markierte er die durch die Meeresarme von Firth of Forth und Firth of Clyde gebildete Landenge als vorläufige Grenze der römischen Einflusszone. Damit bereits im heutigen Schottland angelangt, drang er mit seinen Truppen anschließend noch weiter nördlich vor und schlug 84 n. Chr. die Schlacht am Mons Graupius, über deren genaue Lokalisierung bis heute noch kein Konsens erreicht wurde. Hier besiegte er die schottischen Kaledonier unter ihrem Anführer Calgacus. Ganz Britannien schien den Römern nun offenzustehen.

Agricola hatte einen berühmten Schwiegersohn namens Tacitus, einer der herausragenden Historiker der römischen Kaiserzeit. 98 n. Chr. debütierte er mit einer Biographie seines zu diesem Zeitpunkt bereits verstorbenen Schwiegervaters. Dessen Zeit in Britannien nimmt in diesem kleinen, aber lesenwerten Werk einen großen Raum ein. Und er versäumte es bei allen Elogen auf die selbstverständlich segensreiche Amtszeit des Schwiegervaters nicht, ausführlich auf Land und Leute einzugehen. Mitschuldig machte er sich dabei an der Pflege des ewigen Vorurteils, dass das Wetter in Britannien immer schlecht sei: „Das Klima ist infolge häufigen Regens und Nebels unfreundlich.“ Historisch ergiebiger sind seine Ausführungen zu den Bestrebungen des Agricola, aus den Kelten Britanniens ordentliche Römer zu machen. Tatsächlich stellt Britannien einen instruktiven Testfall für den Erfolg oder Misserfolg von Romanisierung dar. Waren die Römer in der Lage, auch hier, weit weg von Italien und vom Mittelmeer, in der nordwestlichen Randprovinz des Imperium Romanum, römische Sitten und römische Kultur zu installieren? Für Tacitus war dies keine Frage. Mit freundlicher finanzieller Unterstützung der Römer entstanden überall römische Tempel, Foren und Wohnhäuser. Die Söhne der Adligen lernten fleißig Latein. Immer häufiger sah man Britannier in der Toga. Sie wetteiferten geradezu darum, die besseren Römer zu sein und erfreuten sich an Bädern, Gelagen und feiner Wohnkultur. Und sie nannten dies auch noch, wie Tacitus etwas zynisch, aber durchaus hellsichtig konstatiert, „feine Bildung“, während es in Wirklichkeit doch nur zu ihrer Knechtschaft beitrug.

Wer heute durch England reist, kann sich von dem Erfolg der Romanisierung jedenfalls im Süden und in der Mitte des Landes überzeugen. Allerorten stößt man auf Spuren römischer Zivilisation – auf Städte, Straßen, Villen, Tempel, Bäder, Brücken und natürlich auch auf Kastelle, von denen aus die Soldaten im Auftrag des Kaisers darauf achteten, dass die einheimischen Kelten sich auch folgsam der römischen Herrschaft beugten. Weiter im Norden war jedoch Schluss mit römischer Präsenz und römischer Kultur. Mit den streitbaren Schotten wollten sich die Römer, trotz der Erfolge eines Agricola, nicht weiter anlegen. Deshalb entstand zwischen 122 und 128 n. Chr. der Hadrianswall, bis heute eine der großen archäologischen Attraktionen auf der Insel. Dieses, die römische Nordgrenze markierende, Befestigungswerk geht auf Kaiser Hadrian zurück, der von 117 bis 138 n. Chr. regierte und der dem Reich, im Gegensatz zu seinem expansionsfreudigen Vorgänger Traian, einen strikten Defensivkurs verordnet hatte. So gab es nun eine imposante Grenzanlage zwischen dem römischen Britannien im Süden und dem nichtrömischen Britannien im Norden. Über 117 Kilometer verlief der Hadrianswall, dessen Bau der Kaiser bei einem Besuch auf der Insel persönlich inspizierte, vom Solway Firth zum Fluss Tyne bei Newcastle. Im Gegensatz zum römischen Limes in Deutschland, der die Germanen weniger aufhalten als vielmehr daran erinnern sollte, dass hier das Römische Reich begann, war der Hadrianswall deutlich als ein Abwehrbollwerk konzipiert. Die Mauer war weit über drei Meter hoch, dazu kam ein ganzes System von Kastellen, Türmen, Wällen und Gräben. Hadrians Nachfolger Antoninus Pius (138 bis 161 n. Chr.) unternahm ein paar Jahre nach dem Tod des Vorgängers noch einmal den Versuch, die Grenze weiter nach Norden auszudehnen. An der engsten Stelle der Insel, zwischen Firth of Forth und Firth of Clyde in Zentralschottland, wurde dieser neue Grenzwall errichtet. Seine Haltbarkeitsdauer war indes extrem gering, nach gerade einmal 20 Jahren wurde er wieder aufgegeben. Bis zum Ende der römischen Herrschaft in Britannien blieb somit der Hadrianswall die Nordgrenze des Imperium Romanum.

Zunächst aber konnte von einem Ende der römischen Herrschaft noch keine Rede sein. Im Gegenteil: Im stark romanisierten Süden entwickelte sich nicht nur in den Städten, sondern auch auf dem Lande blühendes Leben. Britannien profitierte gleichermaßen von den politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Vorteilen des Römischen Reiches wie von dem Umstand, dank der insularen Lage von manchen negativen Entwicklungen auf den Festland verschont zu bleiben. Jedoch war auch das römische Britannien keine Insel der Seligen. Vom Sog der Reichskrise, die das Imperium im 4. und 5. Jahrhundert erfasste, wurde auch Britannien erfasst. Schwer zu schaffen machten Römern und romanisierten Kelten die Einfälle von Schotten und Pikten. Über den Kanal kamen germanische Völkerschaften wie die Angeln und die Sachsen, die später entscheidend die Geschicke Britanniens bestimmen sollten. 410 n. Chr. zog der Westkaiser Honorius die Konsequenz aus diesen beunruhigenden Zuständen. Alle noch verbliebenen römischen Truppen verließen auf seine Anordnung hin die Insel. 464 Jahre, nachdem Caesar seine imperiale Visitenkarte vorgelegt hatte, war das Kapitel Römer für Britannien definitiv beendet – jedenfalls so lange, bis die in sehr viel späterer Zeit ebenfalls auf hegemonialen Pfaden wandelnden Engländer sich eines Empires zu erinnern begannen, das einen bedeutenden Teil ihrer eigenen Geschichte ausgemacht hatte.