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Holger Sonnabend - Geschichte aktuell

Mit Caesar im römischen Wahlkampf

 

Eine schöne Vorstellung: Wenn heute in den westlichen Demokratien Wahlen anstehen, geht es den Kandidatinnen und Kandidaten in vorbildlicher Weise nicht etwa um persönliche Macht, sondern ausschließlich um das Wohlergehen der Menschen und des Staates. Dementsprechend richten sie ihren Wahlkampf voll und ganz auf Sachthemen aus, mit denen sie die Wählerschaft davon zu überzeugen versuchen, dass sie und nur sie die richtigen Konzepte zur Bewältigung zukünftiger Aufgaben haben. Und natürlich geht es bei dem Wahlkampf ordentlich und fair zu - keine Beschimpfungen des politischen Gegners, keine unlauteren Mittel, nur wohltuende Sachlichkeit auf allen Seiten. Ist es tatsächlich so?

Jedenfalls wäre das ein deutlicher Fortschritt gegenüber den Methoden, die im antiken Rom angewendet wurden, um Wahlerfolge zu sichern. Als Rom noch eine Republik und keine Monarchie war, standen Jahr für Jahr Wahlen zu den politischen Spitzenämtern an. Im Gegensatz zu späteren Zeiten, als - für Römer unvorstellbar - manche Politiker acht, zwölf oder sogar 16 Jahre an der Macht waren (und nur die Älteren sich noch an andere Verhältnisse erinnern konnten), galt in Rom die eiserne Regel: Ein Jahr genügt. Nicht eben viel Zeit, um politisch etwas zu bewegen. Aber darum ging es den meisten römischen Politikern auch gar nicht. Für sie war es eine Prestigeangelegenheit, einer der beiden Konsuln zu werden, die jährlich zur Wahl anstanden. Das waren die beiden Spitzenämter, gesplittet, weil man verhindern wollte, dass einer allein zu viel Einfluss gewann (so, als ob es heute in Deutschland jeweils zwei Bundeskanzler geben würde, die zeitlich befristet nicht 12 Jahre, sondern 12 Monate regieren). Konsul zu werden und sich im Glanz des Amtes zu sonnen, war das Traumziel eines jeden römischen Senators. Viele sahen darin aber auch eine gute Gelegenheit, Beziehungen zu knüpfen und Machtkartelle aufzubauen.

Parteien gab es im antiken Rom nicht. Um bei Wahlen zu siegen, galt es, möglichst viele Menschen für sich persönlich zu mobilisieren. Realisiert wurden die Wahlen in der Volksversammlung. Die wichtigste waren die so genannten Centuriatcomitien. Hier wurden die obersten Funktionsträger wie die beiden Konsuln gewählt. Die Bürger waren dabei in verschiedene Wählergruppen eingeteilt, nach dem Prinzip: je reicher, desto mehr Einfluss. So richteten die Kandidaten ihr Augenmerk primär auf diese relevanten Gruppen.

Absoluter Meister in Sachen Stimmenfang war Gaius Iulius Caesar. Bevor er Diktator und Alleinherrscher wurde, absolvierte er (wie spätere Autokraten auch) zunächst eine ganz normale, verfassungskonforme Karriere. Dabei galt für den extrem ehrgeizigen Politiker die Devise: Verlieren verboten! Daher war Caesar nicht nur der händeschüttelnde Kandidat auf dem Forum oder der Veranstalter werbewirksamer Gladiatorenkämpfe, sondern er investierte auch viel Geld, dass direkt in die Taschen der Wähler floss. Seine Konkurrenten gaben sich empört, sprachen von Wahlbestechung, verschwiegen aber geflissentlich, dass sie nicht anders handelten. Für das Volk waren Wahlzeiten die schönste Zeit im Jahr - besonders, wenn Caesar antrat. Er gab nämlich auch Geld aus, dass er gar nicht besaß. In seinen Kampagnen häufte er gigantische Schuldenberge an. Seinen Geldgebern versprach er, sie nach erfolgter Wahl zu entschädigen. 63 v. Chr. kandidierte er für das Amt des Pontifex Maximus, des obersten Priesters (ein Amt, das damals noch jeglicher sakraler Sphäre entbehrte und Sprungbrett für Politiker auf dem Weg nach oben war). So viel Geld war geflossen, dass Caesar, bevor er sich zur Wahl begab, seiner Mutter beim Abschied sagte: "Ich komme als Pontifex Maximus heim, oder überhaupt nicht mehr." Die Mutter wusste nicht, ob sie diese Worte als Drohung oder Angebot auffassen sollte, entschied sich letztlich aber dafür, froh zu sein, als Caesar als frisch gewählter Oberpriester nach Hause kam.

Im Sommer 60 v. Chr. standen die Wahlen zum Konsulat des nachfolgenden Jahres an. Da zwei Stellen zu besetzen waren, hatte jeder Wähler zwei Stimmen. Zur Wahl stellten sich drei Kandidaten - einer zu viel, wie Caesar erkannte. Sein Wunschpartner hieß Lucceius, ein politisches Leichtgewicht, aber mit dem unschätzbaren Vorteil ausgestattet. außerordentlich wohlhabend zu sein. Mit ihm schloss Caesar einen Wahlpakt: In beider Namen sollte Lucceius die Wähler bestechen, er selbst würde seinen politischen Einfluss und seine Popularität in das Bündnis einbringen. Caesars Gegner waren alarmiert. Offenkundig wollte der ambitionierte Caesar das Amt als Instrument zum Machterwerb nutzen, und so mobilisierten sie ihrerseits alle Kräfte und Mittel, um ein Konsulpaar Caesar-Lucceius zu verhindern. Sie schickten einen zwar redlichen, aber auch etwas unbedarften und ihnen damit nicht gefährlichen Kandidaten namens Bibulus ins Rennen. Sie veranlassten ihn, seine ganzen Ersparnisse in die Wahlkampagne zu investieren und steuerten ihrerseits noch viel Geld bei. Als am Wahltag die Stimmtafeln ausgezählt waren, war das Ergebnis eindeutig: Caesar hatten die Nase klar vorn, Bibulus wurde Zweiter und damit sein Kollege im Konsulat des Jahres 59 v. Chr. Die Hoffnung, Bibulus könne Caesars Tatendrang bremsen, erfüllte sich indes nicht. Caesar ignorierte ihn, wo er konnte, vertrieb ihn einmal sogar vom Forum, woraufhin Bibulus sich beleidigt in sein Haus zurückzog - ein Vorgeschmack auf das, was noch kommen sollte.

In den folgenden Jahren steuerte Caesar konsequent auf die Alleinherrschaft zu. Mehr und mehr wurde die Verfassung ausgehebelt, bis er sich, nach einer langen Zeit der Bürgerkriege, im Jahre 45 v. Chr. von einem willfährigen, mit seinen Anhängern besetzten Senat zum Diktator ernennen ließ. Mit dem Attentat auf Caesar am 15. März 44 v. Chr. versuchten eine Reihe von Senatoren, die Republik zu retten. Doch die Folge waren erneute Bürgerkriege, aus denen Caesars Adoptivsohn Octavian als Sieger hervorging. Unter dem Namen Augustus wurde er erster römischer Kaiser - ganz ohne Wahlen.