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"Triumph einer Untergrundsekte"

ist erschienen.

 

 

  

Geschichte spannend, attraktiv und kompetent präsentiert.

Holger Sonnabend - Geschichte aktuell

Kleisthenes - (Fast) vergessener Heros der Demokratie

Im Jahre 510 v. Chr. herrschten in Athen große politische Turbulenzen. Ein spartanisches Heer unter der Führung des Königs Kleomenes war in Attika erschienen. Mit der Hilfe eines nicht unerheblichen Teiles der Bevölkerung von Athen gelang es den fremden Invasoren, den Tyrannen Hippias und seine Anhänger aus der Stadt zu vertreiben. Damit war eine insgesamt 50-jährige Alleinherrschaft jener Familie, aus der Hippias stammte, beendet. 560 v. Chr. hatte sein Vater Peisistratos erstmals die Macht in Athen übernommen, hatte sie dann zweimal wieder verloren und sogar außer Landes gehen müssen, bevor er ab 546 v. Chr. fest im Sattel saß. Die Griechen nannten eine solche, damals auch in vielen anderen Städten aufgekommene Form der Regierung „Tyrannis“. Das bedeutete, dass ein einzelner Adliger unter Umgehung der regulären staatlichen Gremien und in der Auseinandersetzung mit anderen Adelsfamilien zur Macht im Staat gelangte und diese auf Dauer und, bei Widerstand auch mit dem Einsatz von Gewalt, ausübte.

Parthenon

Nach der endgültigen Etablierung der Tyrannis im Jahre 546 v. Chr. war Peisistratos gerade wegen der zweifelhaften Anfänge bestrebt, sein Regime bei der breiten Masse der Bevölkerung populär zu machen. Gestützt auf ein ihm persönlich ergebenes Söldnerheer, trat er als großzügiger Förderer der „kleinen Leute“ auf. Die Wirtschaft kurbelte er durch den Bau von Tempeln, Häfen und Wasserleitungen, den Handel durch auswärtige Geschäfte an. Zudem machte er aus Athen eine glänzende Kulturmetropole. Als Peisistratos 527 v. Chr. starb, gab es keine Schwierigkeiten bei der Übertragung der Herrschaft auf seine beiden Söhne Hippias und Hipparchos. Diese setzten zunächst die Politik des Vaters fort. Dann aber wurde Hipparchos, der jüngere der Brüder, im Jahre 514 v. Chr. ermordet, während Hippias das Attentat, das eigentlich beiden Tyrannen gegolten hatte, lebend überstand. Angeblich hatte die Tat keinen politischen Hintergrund. Wie die meisten antiken Quellen versichern, hatten die Tyrannenmörder Harmodios und Aristogeiton rein private Motive. Erst nachträglich wurden sie zu Heroen der Freiheit und Vorkämpfern der Demokratie stilisiert.

Unter dem Eindruck des Mordes an seinem Bruder änderte Hippias den volksfreundlichen Kurs, den seine Familie bis dahin ausgezeichnet hatte. In fast pathologischer Furcht witterte er überall Gefahren. Aus Sorge vor weiteren Anschlägen ging er rigoros gegen tatsächliche oder vermutete Gegner vor. Hinrichtungen und Folter waren an der Tagesordnung. Die adligen Familien in Athen, die in den erfolgreichen Zeiten der Tyrannis der Peisistratiden politisch völlig im Schatten gestanden hatten, witterten die Chance, ihren alten Einfluss zurückzugewinnen. Dabei trat insbesondere die altehrwürdige Familie der Alkmeoniden hervor. Als ihren Urahn gaben die Angehörigen der Dynastie Alkmaion, den Sohn des Nestor, eines der Helden in den Epen Homers, aus. Bevor Peisistratos sich als Tyrann hatte durchsetzen können, waren es Alkmeoniden gewesen, die ihn am heftigsten bekämpft hatten. Und auch beim Ende der Tryannis, das mit der Vertreibung des Hippias herbeigeführt wurde, hatte ein Alkmeonide die Hände im Spiel.

Zu einem nicht genau bekannten Zeitpunkt, vielleicht um 570 v. Chr., wurde Kleisthenes geboren. Er war der Sohn des Alkmeoniden Megakles, eines der Konkurrenten des Peisistratos. Wie der Tyrann verfügte der Vater über ein ausgeprägtes Machtbewusstsein, und es gehört nicht viel Phantasie dazu, um sich vorzustellen, dass Megakles, hätte er sich gegen Peisistratos durchsetzen können, wohl seinerseits eine Tyrannis begründet hätte. So aber musste die Familie die Realitäten anerkennen. Längere Zeit verbrachte Megakles mit seinen Angehörigen im Exil in Delphi, denn im Athen des Peisistratos war kein Platz für Rivalen des mächtigen Herrschers. Vorübergehend, wahrscheinlich nach dem Tod des Peisistratos, kehrten die Alkmeoniden nach Athen zurück. Kleisthenes machte unter den neuen Tyrannen Hippias und Hipparchos sogar Karriere und wurde Archon, bekleidete also die Stellung eines der obersten Beamten in Athen. Nach dem gewaltsamen Tod des Hipparchos musste er die Stadt aber erneut verlassen.

Aus dem abermaligen Exil betrieb er energisch den Sturz des zunehmend ins Wanken geratenen Tyrannen Hippias. Um sein Ziel zu erreichen, setzte Kleisthenes auf die finanziellen Mittel und die Verbindungen der Familie. Und es erwies sich als kluger Schachzug, dass er Kontakt zu den Spartanern aufnahm, damals die stärkste Militärmacht in Griechenland. Doch war es nicht einfach, deren Führern ein Unternehmen gegen Hippias plausibel zu machen, pflegten die Spartaner doch traditionell freundschaftliche Beziehungen zu den Tyrannen von Athen. Also griff Kleisthenes zu einer wirkungsvollen List. Im Tempel von Delphi versah die Priesterin Pythia ihren Dienst als Orakel. Ihre Aufgabe war es, den vielen Menschen, die den Gott Apollon um Rat fragten, mit den entsprechenden Antworten zu versorgen. Kleisthenes, der in Delphi wegen der Beteiligung seiner Familie am Wiederaufbau des Tempels einen guten Ruf hatte, überredete die Pythia, allen Spartanern, die hilfesuchend nach Delphi kamen, die Empfehlung zu geben, Athen von dem Tyrannen zu befreien.

Diese Strategie zeigte Wirkung. Die Autorität der Pythia war so groß, dass Sparta nun tatsächlich ein Heer Richtung Attika schickte, das allerdings keinen Erfolg hatte. Erst bei der von König Kleomenes geleiteten zweiten militärischen Expedition gelang es, den Tyrannen auf der Akropolis einzuschließen. Nachdem den Belagerern seine Söhne in die Hände gefallen war, kapitulierte er und ging mit seinen Anhängern ins Exil.

In Athen aber stellte sich 510 v. Chr., nach 50 Jahren der Tyrannenherrschaft, die Frage, wie es politisch weitergehen sollte. Für Kleisthenes ging die Vertreibung der Tyrannen zu einem guten Teil auf das Konto der Alkmeoniden. So war es für ihn selbstverständlich, für die Ära nach den Peisistratiden eine Führungsrolle im Staat der Athener einzufordern. Mit diesem Wunsch stand er allerdings nicht allein da. Viele Adelsfamilien sahen, nach Jahrzehnten politischer Abstinenz und Bedeutungslosigkeit, die Gelegenheit gekommen, ihren Einfluss im Staat wieder geltend zu machen. Kaum hatte Hippias die Stadt verlassen, brach unter den Adligen offener Streit aus.

Schärfster Widersacher des Kleisthenes war ein Aristokrat namens Isagoras. Dieser mobilisierte seinen gesamten Anhang und durfte sich als Sieger in dem innenpolitischen Machtkampf fühlen, als er 508 v. Chr. zum Archon bestimmt wurde. Doch Kleisthenes gab nicht auf. Um das Volk für sich zu gewinnen, entwarf er ein Reformkonzept zur umfassenden Neugestaltung von Staat und Gesellschaft. In seiner Schrift über den „Staat der Athener“ schreibt Aristoteles: „Als Kleisthenes den politischen Gruppen zu unterliegen drohte, brachte er das Volk auf seine Seite und übertrug die politische Gewalt der Masse.“ Der Grundgedanke des in Bedrängnis geratenen Kleisthenes bestand darin, die Macht des Adels, dem er selbst angehörte, zu brechen, um mit der Unterstützung des Volkes die von ihm angestrebte politische Führungsposition zu erreichen. Bevor er aber konkrete Schritte zur Umsetzung dieses Programms in die Wege leiten konnte, ergriff sein Konkurrent Isagoras Gegenmaßnahmen. Er wandte sich um Hilfe an den Spartaner Kleomenes, der wenige Jahre zuvor so entscheidend an der Vertreibung des Tyrannen Hippias beteiligt gewesen war und seitdem zu den persönlichen Freunden des Isagoras gehörte. Nach den Anweisungen des Isagoras verlangte Kleomenes von den Athenern die Verbannung des Kleisthenes. Begründet wurde dieses Ansinnen mit dem „Fluch der Alkmeoniden“, ein Argument, das Gegner der Familie des Kleisthenes immer ins Feld zu führen pflegten, wenn sie ihr schaden wollten. Lange Zeit zuvor, im Jahre 632 v. Chr., war der Versuch eines Atheners namens Kylon, eine Tyrannis zu errichten, gescheitert. Seine Anhänger hatten daraufhin in einem Tempel Zuflucht gesucht, waren aber in dieser heiligen, von den Göttern geschützten Zone auf Befehl von Angehörigen der Alkmeoniden getötet worden. Kleisthenes hielt es für ratsam, freiwillig die Stadt zu verlassen. Dennoch zog Kleomenes mit Truppen nach Athen und sorgte für die Vertreibung von 700 Familien, deren Namen ihm sein Verbündeter Isagoras genannt hatte. Dieser glaubte sich jetzt am Ziel. Er forderte die Auflösung des einst von Solon gegründeten Rates, außerdem sollten alle wichtigen Ämter mit seinen Gefolgsleuten besetzt werden. Das aber war die Mehrheit der Athener nicht bereit hinzunehmen. Zu frisch war noch die Erinnerung an die gerade überwundene Tyrannis. Kleomenes und Isagoras wurden mit ihren Leuten auf der Akropolis eingeschlossen. Drei Tage später durften sie, nach Abschluss eines Waffenstillstandes, abziehen. Kleisthenes und die anderen Vertriebenen wurden in die Stadt zurückgerufen.

Tonscherbe - Ostrakon

Kleisthenes ging nun unverzüglich an die Umsetzung seines Reformprogramms. Sollte er mit dem Gedanken gespielt haben, angesichts seines Sieges und der Ausschaltung seiner innenpolitischen Gegner alles beim Alten zu belassen und sich seiner Machtposition zu erfreuen, so wird ihn die Tatsache, dass er bei den Athenern im Wort stand, eines Besseren belehrt haben. Und so wurde aus dem Adligen Kleisthenes, dem es eigentlich nur darum gegangen war, einen politischen Rivalen auszuschalten und eine seiner Familie gebührende Stellung im Staat einzunehmen, der Architekt der athenischen Demokratie. An der Wiege dieser ersten Demokratie der Weltgeschichte stand kein Demokrat, sondern ein Aristokrat, dessen hauptsächliches und ganz und gar eigennütziges Interesse es war, Personen wie Peisistratos, Hippias, Hipparchos oder Isagoras nicht mehr nach oben kommen zu lassen. Nur so ist es zu erklären, dass es gerade in Athen möglich war, eine politische Ordnung zu verankern, für die man bis dahin keinerlei Vorbilder hatte.

Herzstück seiner Reformen war die Beschneidung der Macht des Adels. Diese beruhte bis dahin auf einem Netzwerk von Abhängigkeiten, Verbindungen und Gefolgschaften. Daher teilte Kleisthenes sowohl das Territorium als auch die Bevölkerung von Attika neu auf. Attika wurde in drei Zonen gegliedert: das Gebiet der Stadt Athen, die Regionen der Küste und das Binnenland. Innerhalb dieser einzelnen Bereiche entstanden als kleinste, autonome Verwaltungseinheiten sogenannte „Demen“ mit einer jeweils eigenen Bürokratie. Die Bürger dieser insgesamt 139 Demen wurden auf 30 von der Zahl der in ihnen verzeichneten Bürger etwa gleich großen „Trittyen“ („Drittel“) verteilt. Durch die Herstellung dieser Rechnungsgrößen konnte Kleisthenes nun sein Ziel der Auflösung der alten Verbindungen und der, wie Aristoteles es ausgedrückt hat, „Durchmischung“ der Bevölkerung realisieren. Denn jeweils aus einer Trittye der drei Zonen Stadt, Küste und Binnenland wurde eine neue „Phyle“ (eigentlich „Stamm“) gebildet. So entstanden insgesamt 10 Phylen mit einem jeweils repräsentativen Anteil von Bewohnern aus allen drei Zonen Attikas. Adlige, die bis dahin beispielsweise in den Küstenregionen stark gewesen waren, mussten sich jetzt ihre Anhängerschaft, da diese nicht mehr lokal überschaubar war, auch in der Stadt und im Binnenland zusammensuchen. Diese neue Ordnung wurde auch zur Grundlage der politischen Entscheidungsgremien. Die Beamten wurden nun nach den Phylen gewählt, ebenso der Rat, in den jede der zehn Phylen 50 Vertreter entsandte. So waren auch hier alle Landesteile gleichmäßig vertreten. Wahrscheinlich war er auch der Erfinder des „Scherbengerichts“ (griechisch „Ostrakismos“). Dabei handelte es sich um ein Verfahren, mit dem Personen aus Athen verbannt werden konnten, die man im Verdacht hatte, nach der Tyrannis zu streben. Einmal im Jahr wurde das versammelte Volk gefragt, ob es eine Abstimmung in dieser Angelegenheit durchzuführen wünsche. Bei einer positiven Antwort schrieben die Anwesenden den Namen desjenigen, den sie zu verbannen wünschten, auf eine Tonscherbe. Wer am häufigsten genannt wurde, musste Athen für zehn Jahre verlassen. Praktischer konnte man seine politischen Gegner nicht loswerden.

In derPraxis hat sich die von Kleisthenes auf den Weg gebrachte demokratische Ordnung bewährt. Zwar hatte der Adel, dank seiner Erfahrung, seiner Bildung und seines Reichtums, seine Führungsrolle nicht völlig eingebüßt. Doch mussten sich nun auch die Aristokraten bei der Durchsetzung ihrer Interessen einem politischen Wettbewerb stellen. Und die neuen Schichten, denen Kleisthenes aufgrund seiner Politik der Durchmischung die Teilnahme an der Politik ermöglicht hatte, nahmen diese Chance auch intensiv wahr. Allerdings hatten nur relativ wenige Menschen die Chance, sich aktiv an dem demokratischen Geschehen zu beteiligen. Nur wehrfähige männliche Bürger über 18 Jahre hatten das Recht der politischen Mitwirkung. Frauen, ortsansässige Fremde und Sklaven waren ausgeschlossen. Von den etwa 300.000 Bewohnern Attikas durften sich nur etwa zehn Prozent politisch betätigen. Bedenkt man andererseits, dass vor Kleisthenes allein der Adel gewesen ist, der alle wichtigen staatlichen Angelegenheiten unter sich ausgemacht hat, so stellten die erreichten Verhältnisse historisch doch einen bedeutenden Fortschritt dar.

Völlig unklar ist das Schicksal des Kleisthenes nach Abschluss seines Reformwerkes. Kein antiker Autor berichtet davon. Von ihm selbst gibt es auch keinerlei überlieferten Worte oder Schriften. Der Heros der Demokratie verschwindet nach vollbrachter Arbeit im Nebel der Geschichte. Wahrscheinlich ist er bald danach gestorben. Kleisthenes ist auch nicht zum Gegenstand legendärer Verklärung geworden. Das mag daran liegen, dass im 5. Jahrhundert v. Chr., zur Blütezeit der athenischen Demokratie, die Tyrannenmörder Harmodios und Aristogeiton als Befreier Athens und als Wegbereiter der Volksherrschaft gefeiert wurden. Völlig vergessen hat man ihn aber nicht. Als im 2. Jahrhundert n. Chr. der Reiseschriftsteller Pausanias nach Athen kam und den Dipylon-Friedhof besichtigte, sah er dort das Grab des Kleisthenes, „der die jetzt bestehende Verfassung einrichtete“.

In der Neuzeit setzte die Demokratie, nach einer langen Pause, ihren Siegeszug fort. Der ultimative Qualitätstest auch für Politiker besteht darin, auf die Frage, wer die Demokratie erfunden hat, nicht etwa keine Antwort parat zu haben, sondern die richtige Angabe „Kleisthenes“ zu liefern.