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Holger Sonnabend - Geschichte aktuell

Wie Augustus die Römer erziehen wollte – und damit scheiterte

 

Augustus war der erste römische Kaiser. Er sah sich selbst als Garant von Sicherheit, Ordnung und Zukunft. Darin bestand ein großer Teil seiner monarchischen Legitimation. Denn Augustus war maßgeblich beteiligt gewesen am Untergang der alten Republik.

Augustus

Ein wichtiges Anliegen des Kaisers Augustus war es, die römische Gesellschaft in moralischer Hinsicht zu reformieren. Als junger Mann hatte er die Bürgerkriege aktiv miterlebt. Seine Diagnose dieser krisenhaften Zustände lautete: Die Römer hatten zu viel von ihrer einstigen Disziplin verloren. Die Gier nach Geld, Luxus und lockere Sitten hatten aus dem Volk der harten Bauern eine degenerierte Masse werden lassen. Mit dieser Einschätzung stand Augustus nicht allein. Schon in den schlimmsten Zeiten der späten Republik hatten Moralapostel den Verfall der Sitten beklagt. Also machte sich Augustus, als er Prinzeps geworden war, daran, den Menschen wieder Ordnung und Disziplin beizubringen.

Im Mittelpunkt dieser Bestrebungen stand eine Ehe- und Sittengesetzgebung, die der Kaiser kraft seiner Amtsgewalt als Volkstribun durchsetzte. Diese Gesetze griffen gravierend in die Privatsphäre der Bürger ein, vor allem der gesellschaftlichen Eliten, deren Lebenswandel der Kaiser vor allem im Blick hatte. Ins Visier nahm der Kaiser die deutlich nachlassende Bereitschaft, Ehen zu schließen - bei gleichzeitig steigender Tendenz zu außerehelichen Kontakten. Daraus resultierte wiederum ein Mangel an - zumindest legitimen - Nachkommen. Per Gesetz verordnete Augustus nun eine Ehepflicht. Männer zwischen 25 und 60 Jahren und Frauen zwischen 20 und 50 Jahren mussten den Nachweis erbringen, dass sie eine offiziell anerkannte Ehe führten. Konsequenterweise wurde ebenfalls per Gesetz die Scheidung praktisch unmöglich gemacht. Wenn der Partner starb, musste man alles daran setzen, eine neue Ehe zu schließen. Wer nicht verheiratet war und keine Kinder hatte, wurde bestraft, etwa durch den Entzug der Erlaubnis, ins Theater gehen zu dürfen, oder mit dem Verbot, testamentarische Erbschaften anzunehmen. Unverheiratete wurden auch bei der Vergabe von Ämtern und Posten bewusst benachteiligt. Wer umgekehrt drei oder mehr Kinder hatte, genoss eine Reihe von Vorteilen, wie die bevorzugte Berücksichtigung bei der Vergabe von Stellen.

Die Bemühungen des Augustus, auf diese Weise die Moral der Gesellschaft nach seinen Vorstellungen ins Lot zu bringen, scheiterten grandios. Der Kaiser musste die Erfahrung machen, dass er zwar viel, aber nicht alles bewirken konnte. Schon an der Unmöglichkeit, die Vorschriften flächendeckend zu kontrollieren, scheiterte der Versuch, den Menschen Manieren beizubringen. Außerdem behalfen sich viele Heiratsunwillige damit, dass sie Scheinehen eingingen. Auch war Augustus selbst nicht gerade das glaubwürdigste Vorbild, wenn man an die Skandale und Affären in seiner eigenen Familie dachte. Er war seiner Frau Livia zwar enger verbunden, als dies in römischen Elite-Ehen normalerweise der Fall war. Doch wie die antike Gerüchteküche wissen will, war der Prinzeps außerehelichen Abenteuern gegenüber alles andere als abgeneigt. Seine eigene Ehe mit Livia blieb kinderlos, so dass Augustus im Prinzip seine kaiserlichen Sanktionen auch gegen sich selbst hätte verhängen müssen. Aber aus der ersten Ehe konnte er immerhin die Tochter Iulia nachweisen, die in ihrem Lebenswandel wiederum das personifizierte Gegenmodell zu der offiziell propagierten sittsamen, scheuen und zurückhaltenden Oberschichts-Frau darstellte.

Sympathien erntete Augustus mit seinem moralischen Feldzug nicht. Bei dem antiken Biographen Sueton heißt es: „Gesetze revidierte er, und er erließ auch eine Anzahl neuer, so gegen übertriebenen Luxus, gegen Ehebruch und Verletzungen des Anstands, gegen Amtserschleichung und über Ehevorschriften für die höheren Stände. Da er dieses beträchtlich strenger als die übrigen Gesetze konzipiert hatte, konnte er es wegen des sich dagegen erhebenden Entrüstungssturms nicht durchbringen, bis schließlich die Bestimmungen über Strafsanktionen aufgehoben oder wenigstens gemildert wurden.“ Bei Augustus, der es sonst meisterhaft verstand, die öffentliche Wirkung seiner Maßnahmen vorauszuahnen und seismographisch zu registrieren, hatte in diesem Fall das Frühwarnsystem versagt. Darin liegt eine gewisse Tragik. Denn die Moral- und Sittenpolitik war so ziemlich das einzige Politikfeld, bei dem es dem Prinzeps darum gegangen war, etwas Gutes für Rom zu tun (wenigstens nach seiner eigenen Überzeugung) – und nicht nur Maßnahmen zu ergreifen, die vor allem dazu dienten, seine Herrschaft zu sichern. Der Restaurationskurs, den er den Römern verordnete, war eben nicht mehr zeitgemäß, auch wenn der Prinzeps bis zum Ende seines Lebens geradezu verbissen daran arbeitete. In den Res Gestae, seinem politischen Vermächtnis, fand er dafür die bezeichnenden Worte: „Durch neue, auf meine Veranlassung hin eingebrachte Gesetze habe ich viele Einrichtungen der Väter, die in unserer Epoche schon zu verschwinden drohten, zum Leben erweckt und selbst für viele Dinge Beispiele zur Befolgung der Nachwelt überliefert.“ Dieser Anspruch aber blieb mehr ein frommer Wunsch, als dass er die Realität widerspiegelte.