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Holger Sonnabend - Geschichte aktuell

Der „Schrecken der Völker“

 

Ganz genau konnte es eigentlich nur Hildiko wissen. Schließlich war sie, nach Lage der Dinge, die einzige Zeugin, als Attila so plötzlich und unerwartet aus dem Leben schied. Jedenfalls war es nicht vorgesehen, dass die gemeinsame Hochzeitsnacht der gotischen Fürstentochter und des Königs der Hunnen mit dem Tod des frischvermählten Bräutigams enden würde. Fakt ist: Am nächsten Morgen fand man Attila tot im Bett, daneben eine völlig in Tränen aufgelöste Hildiko. Wie in solchen Fällen üblich, begann sofort die Gerüchteküche zu brodeln. Hatte etwa Hildiko ihre Hände im Spiel? Aber sie hatte ihn doch gerade erst geheiratet. Jedoch war sie ist nicht seine einzige Ehefrau. Aber dann machte es doch keinen Sinn, wenn sie den Mann tötete, dann hätte sie eher die Rivalinnen beseitigen müssen.

Attila

Vielleicht war der Täter jemand aus seiner Umgebung – Feinde hatte der alte Tyrann ja genug. Oder kam der Mörder von auswärts? Vielen Menschen in der Welt hatte Attila großes Leid zugefügt, Kandidaten, die zu einem Attentat bereit waren, gab es genug. In der aufgeregten Diskussion gaben manche endlich zu bedenken, dass es sich auch um einen ganz normalen Tod gehandelt haben könnte. Keine Wunde war an seinem Körper entdeckt worden. Und außerdem war Attila nicht mehr der Allerjüngste, schon über 50 Jahre alt, für einen Hunnen fast schon ein gesegnetes Alter.

Wie aber lautete die offizielle Version vom Tod Attilas? Nachdem man sich intensiv um die Rekonstruktion der letzten Stunden des Hunnenkönigs gekümmert und insbesondere auch die in Rekordzeit zur Witwe gewordenen Braut befragt hatte, lautete das Ergebnis: Es handelte sich um einen tragischen Unglücksfall. Am Abend zuvor hatte der König in seinem Palast noch fröhlich die Hochzeit gefeiert. Dabei hatte er offenbar sehr tief ins Glas geschaut. Spät in der Nacht schleppte er sich mit der Ehefrau Hildiko in das königliche Gemach. Auf dem Rücken liegend war er dann eingeschlafen, und morgens hatten ihn beunruhigte Diener tot neben seiner gänzlich indisponierten Gattin aufgefunden. Die Ärzte diagnostizierten als Todesursache einen Blutsturz und rekonstruierten das folgende, für Attila so fatale Szenario. Der Hunnenführer litt, wie alle wussten, unter häufigem Nasenbluten. Normalerweise war das kein Problem. Da er aber eben in besagter Nacht auf dem Rücken einschlief und im übrigen wegen des übermäßigen Alkoholkonsums zwischendurch nicht aufwachte, strömte das Blut nicht nach außen, sondern nach innen, geriet in die Luftröhre und führte zum Tod durch Ersticken. Das war zweifellos ein höchst ungewöhnliches Ende für einen Haudegen vom Schlage Attilas. Und zugleich mit der Nachricht vom Tod des Hunnen, die sich in Europa und Asien wie ein Lauffeuer verbreitete, kam ungläubiges Staunen auf, dass dieser Mann tatsächlich im Bett in seinem heimatlichen Palast in der ungarischen Tiefebene und nicht auf dem Schlachtfeld gestorben war. In das Staunen mischte sich dann aber bald grenzenlose Erleichterung. Denn in den vergangenen Jahren waren Attila und seine Hunnen zu einem wahren Schrecken der Völker geworden.

Attila

Allerdings hatte man schon lange vor Attila die unfreiwillige Bekanntschaft mit dem Reitervolk aus dem Osten machen dürfen. Ursprünglich lebten die Hunnen als Nomaden im zentralen Asien. Etwa um die Zeit von Christi Geburt verließen sie mit Kind und Kegel ihre Heimat und zogen Richtung Westen. Über die Gründe für diese Wanderung kann man nur spekulieren, vielleicht reichten die Weideplätze nicht mehr aus, um alle zu ernähren. In der Gegend zwischen Wolga und Don fanden sie neue Wohnsitze. Lange hörte man nicht viel von ihnen, bis sie um das Jahr 375 n. Chr. erneut die Bühne der Geschichte betraten und nun sehr nachdrücklich auf sich aufmerksam machten.

Wieder lautete die Devise „Auf nach Westen“, und abermals mögen es wirtschaftliche Gründe gewesen sein, die sie zur Wanderschaft zwangen. Fatalerweise schoben sie auf ihrem Marsch nun aber andere Völker wie die Ostgoten vor sich her. So lösten die Hunnen mit ihrem Zug eine Kette von weiteren Wanderungen aus. Der Ruf, der ihnen vorauseilte, war alles andere als schmeichelhaft. So notierte ein zeitgenössischer römischer Historiker: „Dieses kampfestüchtige Volk brennt vor entsetzlicher Gier nach Kriegsbeute.“ Und weiter war davon die Rede, dass sie bei ihrem Vordringen Richtung Westen plündernd und mordend die Völker überfielen, die sich ihnen in den Weg stellten. In der sich ausbreitenden Panik fiel es kaum jemandem ein, nachzuprüfen, ob diese Gerüchte stimmten. Übertrieben waren diese Schreckensnachrichten auf jeden Fall. Moderne Forschungen haben inzwischen nachweisen können, dass die Hunnen keineswegs nur kulturlose Barbaren gewesen sind. Außerdem hatte sich der Westen seit den Tagen der Kriege der Griechen gegen die Perser – im 5. Jahrhundert v. Chr. - daran gewöhnt, alle Völker, die expandierend aus dem Osten kamen, mit allen möglichen negativen Attributen zu versehen.

Richtig ist allerdings auch, dass die landsuchenden Hunnen mit ihren Gegnern nicht gerade behutsam umgingen. Ihre große Bewährungsprobe kam, als sie um das Jahr 400 die untere Donau erreichten und damit vor den Toren des Römischen Reiches standen. Die Krieger aus dem Osten hatten einen nicht zu unterschätzenden Vorteil: Rom hatte zu diesem Zeitpunkt bereits den Zenit seiner Macht überschritten. Das einst so glanzvolle Imperium war in zwei Teile zerfallen. Ein Kaiser regierte in Konstantinopel über die östliche Reichshälfte, ein anderer in Ravenna über den Westen. Beide Kaiser handelten pragmatisch und zahlten den ungebetenen Gäste hohe Tribute. Aals Gegenleistung erhielten sie die Zusicherung, in Ruhe gelassen zu werden. So hatten die Römer ihre Ruhe, die Hunnen Zeit und Geld, sich in der ungarischen Tiefebene östlich der Theiss häuslich einzurichten.

Das Geschäft mit den Römern funktionierte allerdings nur so lange, wie Attila bei den Hunnen noch nicht das absolute Sagen hatte. Als Nachfolger seines Onkels Rua kam er 434 zusammen mit seinem Bruder Bleda an die Planstelle eines Königs der Hunnen. Der Bruder starb 445, wie man munkelt, nicht ohne Zutun Attilas. Jedenfalls hatte er nun freie Hand. Dank der nach wie vor üppig sprudelnden römischen Gelder formte er aus dem Hunnenstaat an der Theiss ein straff organisiertes Reich, das sich im Osten bis zur Ukraine, im Westen zeitweilig bis zum Rhein erstreckte. Gleichzeitig schickte der König mit schöner Regelmäßigkeit seine Reitertruppen über die Donau, um den Forderungen an die Römer Nachdruck zu verleihen.

Der Kaiser in Konstantinopel hatte bald kein Geld mehr. Attila lenkte sein Augenmerk daher verstärkt auf den Westen des Römischen Reiches. In Ravenna hielt sich die Begeisterung, den König der Hunnen nun ohne den Partner in Konstantinopel zu finanzieren, in Grenzen. Nach dem negativen Bescheid brach Attila 451 mit 500.000 Reitern in Gallien ein, um sich dort schadlos zu halten. Auf den Katalaunischen Feldern bereiteten ihm die Römer und deren germanische Bundesgenossen aber eine verheerende Niederlage. Geschlagen zogen die sieggewohnten Hunnen nach Italien weiter, plünderten Verona, Aquileia und Mailand und kehrten dann an die Donau zurück. Ihr Ruf hatte durch die unerwartete Schlappe in Gallien nicht wenig gelitten. So plante Attila für das Jahr 453 einen Feldzug gegen Ostrom, um das ramponierte Image wieder aufzupolieren. Vorher aber wollte er noch heiraten. Sein Tod in der Hochzeitsnacht machte einen Strich durch die Rechnung.

Das Reich der Hunnen ist bald nach dem Tod Attilas zerfallen. Der König aber hatte für immer seine Visitenkarte in der Geschichte hinterlassen. Vergessen hat man ihn nie. In den Sagen der Völker lebt er weiter, so etwa als König Etzel im Nibelungenlied.