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Holger Sonnabend - Geschichte aktuell

Doping im Sport – damals und heute

Ob beim Radrennen, Fußball, Boxen oder Schwimmen – fast täglich machen Nachrichten über Doping im Sport Schlagzeilen. Dabei ist das alles andere als ein nur aktuelles Thema. Schon immer haben Sportler versucht, auf der Jagd nach Siegen und Rekorden ihre Leistung mit unerlaubten Mitteln zu steigern. Der Unterschied zu früher ist nur, dass heute viel mehr mit Chemie gearbeitet wird und sich die Athleten mit Substanzen wie Anabolika und Steroiden vollstopfen, denen geplagte Kontrolleure mit allen möglichen Methoden auf die Spur zu kommen versuchen.

In der Antike hatten die Sportler aber keine A- oder B- Probe zu fürchten. Und sie haben auch gar kein Geheimnis daraus gemacht, wie sie ihre Körper in Hochform brachten. Topfit wollten sie um jeden Preis sein. Für die griechischen Athleten war Gewinnen Pflicht. Der Sport war für sie eine Art Ersatz. Lange Zeit hatte man seine körperlichen Fähigkeiten im Krieg, im Kampf Mann gegen Mann, unter Beweis stellen können. Dann änderte sich plötzlich die Kriegstaktik: Nun rückte man in geschlossener Reihe gegen den Gegner vor, die gemeinsamen Kräfte waren mehr gefragt als die Qualitäten des Einzelnen. Das war die Geburtsstunde des Sports: Weil man Ruhm und Ehre nicht mehr im Krieg erwerben konnte, traf man sich eben in Olympia und anderen Städten Griechenlands zum mehr oder weniger friedlichen Kräftemessen. Olympiasieger im Boxen, im Ringen, im Laufen oder im Diskuswerfen zu werden, war nicht nur gut fürs Prestige. Die stolzen Heimatstädte der Sportler zeigten sich großzügig und belohnten ihre Helden mit so verlockenden Dingen wie lebenslanger Gratis-Verpflegung oder auch hohen Geldprämien.

Heute wäre man froh, wenn sich die Sportler so dopen würden, wie es die griechischen Cracks taten. Doch damals war es ein absoluter Skandal, als ein späterer Olympiasieger namens Dromeus zugab, seine Form durch die Einnahme von Fleisch optimiert zu haben. Denn bis dahin galt es in Olympia als ein ungeschriebenes Gesetz, die beste Nahrung für Spitzensportler sei frischer Käse. Allenfalls war man noch bereit zu akzeptieren, dass Ringer und Boxer vor dem Kampf Olivenöl konsumierten, denn das steigerte nach allgemeiner Auffassung die Wut der Athleten aufeinander. Mit Dromeus aber trat in den Athletenkreisen das Fleisch seinen Siegeszug an.

Absoluter Champion auf diesem Gebiet war der Ringer Milon, der im 6. Jahrhundert v. Chr. lebte und der aus der Stadt Kroton (heute Crotone) in Süditalien stammte. Er brach damals alle Rekorde, gewann sechs Mal in Olympia, errang außerdem 25 Siege bei anderen großen Meetings. Seine sagenhaften Kräfte verdankte er einer Diät der speziellen Art: Täglich verspeiste er 20 Pfund Fleisch, dazu die gleiche Menge Weizenbrot. Abgerundet wurde die opulente Mahlzeit durch 10 Liter Wein. Solchermaßen gestärkt, fegte er jeden Gegner aus der Arena. Auch die psychologische Kriegsführung war ihm nicht fremd. Einmal, so wird erzählt, hievte er einen ausgewachsenen Stier auf seine Schultern und trug ihn in das vollbesetzte Stadion von Olympia. Dann schlachtete er das Tier und verspeiste es an Ort und Stelle mit allen Anzeichen des Wohlbefindens. Im anschließenden Kampf hatten die geschockten Gegner des Kolosses aus Kroton keine Chance mehr.

Die Sportstars der Römer waren die Gladiatoren. Fitness war für sie eine Überlebensfrage, denn in der Arena kämpften sie auf Leben und Tod – entweder gegeneinander oder gegen wilde Tiere. Und weil auch der Kaiser und das Volk keine schlaffen Akteure sehen wollten, wurden in den Trainingscamps von geschulten Sportärzten besondere Speisepläne entwickelt. Sehr populär war in Gladiatorenkreisen ein Menü, das aus einer extrem eiweißhaltigen und muskelbildenden Mischung von Bohnen und Gerste bestand. Etwas respektlos nannte man die Gladiatoren deswegen auch „Gerstenfresser“, und ihr Essen verglich man mit Schweinefutter. Heute hat die Funktion der Muskelstärkung das berüchtigte, aber immerhin besser klingende Glenbuterol. Römische Arena-Spezialisten schworen weiterhin auf ein Getränk, dessen Hauptbestandteil ausgelaugte Asche war. Mit diesem merkwürdigen Mix würden, so glaubte man, die Eingeweide gestärkt, die ja beim Fechten durch die dauernden Stöße und Schläge großen Strapazen ausgesetzt waren. Findig waren schließlich jene antiken Physiotherapeuten, die verletzten Gladiatoren wieder auf die Beine zu helfen hatten. Sie kannten allerlei geheimnisvolle Extrakte und Mittel, um auf wundersame Weise die Kampfkraft zu reaktivieren.

Die Gewohnheit der Sportler, leistungsfördernde Substanzen einzunehmen, machte schon antiken Ärzten Sorge. Galen, im 2. Jahrhundert n. Chr. Sportarzt in Pergamon, beobachtete bei vielen Athleten am Körper „zu viel Fleisch“ und im Körper „zu dickes Blut“. Nach Meinung des Arztes führten zu hartes Training und falsche Ernährung zu gefährlichen Risiken und Nebenwirkungen: Verlust der Sprache und der Motorik, Gefäßkrankheiten, Blutstürze, früher Tod. Sein Fazit: Lieber gesund ernähren als den Körper wegen sportlicher Erfolge ruinieren. Der Römer Seneca sah das Ganze philosophisch: Um fit zu sein, braucht der Körper viele Dinge – jede Menge Nahrung, Getränke, Öl. Der Geist dagegen kommt, will er nach Vollkommenheit streben, ohne alle äußeren Hilfsmittel aus. Warum also die ganze sportliche Anstrengung?

Das Mittelalter scheint eine dopingfreie Zone gewesen zu sein. Die Adligen, zu deren bevorzugten Freizeitbeschäftigungen die Jagd gehörte, waren bei dieser Tätigkeit in der Regel ebenso clean wie die Ritter, die ihre Kräfte auf den vielen Turnieren maßen. Das ist erstaunlich, denn in den Laboren mittelalterlicher Wissenschaftler, den Alchimisten, wurden manche seltsamen Substanzen gebraut, denen man eine Zauberwirkung zuschrieb. Der Turniersport aber blieb davon frei, wohl auch deswegen, weil die weltlichen Herrscher und mehr noch die kirchlichen Führer streng auf die Einhaltung der Regeln achteten. Allerdings übernahmen viele Ritter von ihren antiken Sportlerkollegen den Hang zur übermäßigen Nahrungsaufnahme. Das dürfen wir aus dem Umstand schließen, dass man das Verhalten eines Ritters namens Erek für bemerkenswert hielt, der sich laut einer Information aus dem Mittelalter ganz bescheiden und enthaltsam auf die Turniere vorbereitete: „Keiner Fresserei gab er sich hin. Er biss nur drei Mal von einem Huhn ab, das war ihm genug.“

Versierter in Sachen „Sport und Doping“ war zur gleichen Zeit ein berühmtes Volk in Südamerika. In der wilden Gebirgslandschaft der Anden, im heutigen Peru, hatten die Inkas ein großes Imperium erobert, bevor sie am Ende des 16. Jahrhunderts selbst von den Spaniern unterworfen wurden. Der Inka-Herrscher brauchte vor allem zwei Dinge: Informationen und Fisch. Um ihn mit beidem zu versorgen, gab es eine Elite junger, pfeilschneller Läufer. Diese „Chasqui“ rannten kreuz und quer durch das Inkareich. Gefragt war, neben Schnelligkeit, auch Kondition. Damit die Sportler im Dienste für den König nicht erlahmten, half man ein wenig nach. Das Flügel und Kräfte verleihende Zaubermittel war die in den Anden verbreitete Koka-Pflanze. Die Inkas kauten die Blätter und stellten fest, dass die Müdigkeit weg und dafür die Leistung da war. Vollgepumpt mit Kokain konnten also die Chasqui die sportlichen Höchstleistungen vollbringen. Da es bei den Inkas eine legale Droge war, hatten sie keine Kontrollen und schon gar nicht eine Haarprobe zu befürchten. Gewundert haben mag die Inkas allerdings, dass die körperlichen Ausfallserscheinungen nach dem dauerhaften Kokain-Konsum noch heftiger war als die kurzfristige Leistungssteigerung. Die Karriere ständig dopender Inka-Läufer war jedenfalls in der Regel schnell beendet.

Das hat sich in späteren Sportlerkreisen wohl nicht überall herumgesprochen. Beim ersten Sechstagerennen 1879 waren Radrennfahrer mit Kokain und „zur Sicherheit“ auch gleich noch mit Heroin gedopt. Die Risiken dieses Missbrauchs bekamen die Dopingsünder bald zu spüren. Sieben Jahre später gab es bei dem Radklassiker Bordeaux-Paris den ersten Toten. Bis heute ist die Liste der Opfer im Radsport besonders lang, und auch die legendäre Tour de France ist von solchen tragischen Fällen nicht verschont geblieben.

Dass diese Auswüchse des Doping-Unwesens sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts entwickelten, ist kein Zufall. Um diese Zeit entstand in Europa und in den USA der Profisport. Die Ursache dafür war, dass die Leute jetzt mehr Zeit hatten. Samstags wurde nicht mehr den ganzen Tag, sondern nur noch bis mittags gearbeitet. So besuchte man nun gegen Eintritt große Sportveranstaltungen und finanzierte damit den Berufssport. Die Amerikaner begeisterten sich für Baseball und Boxen, die Europäer für Fußball, Rugby und Radrennen. Die Aussicht, mit dem Sport viel Geld verdienen zu können, senkte die Hemmschwelle, der eigenen Leistung mit Doping nachzuhelfen. Statt Fleisch und Kokain standen nun zunehmend chemische Präparate auf der Konsumliste der Sportler. Ringer und Boxer entwickelten sich dadurch äußerlich zu wahren Monstern. Auch bei den Frauen machte das Doping nicht halt. Bei muskulösen und bärtigen Sportlerinnen aus der ehemaligen DDR musste man schon sehr genau hinsehen, um sie überhaupt noch als Frauen zu identifizieren. Nach Ende der Karriere mussten viele von ihnen für ihre Sünden büßen. Die gesundheitlichen Folgeschäden waren verheerend, und Kinder konnten sie auch keine mehr bekommen.

Sich dagegen zu wehren, war zwecklos. Die DDR und andere Staaten des Ostblocks das staatlich verordnete Doping. Es war dort eine politische Vorgabe, dass die Sportler aus den kommunistischen Ländern besser sein mussten als ihre Kollegen aus dem dekadenten Westen. Da man sich dessen aber nicht so ganz sicher war, half man vorsichtshalber mit Doping nach.

Angesagt war Doping mehr und mehr in der Leichtathletik. Wollte man in vergangenen Zeiten stärker werden, so ging es jetzt um Schnelligkeit. Für den kanadischen Sprinter Ben Johnson war es das Ende aller Träume, als man ihm nach seinem Olympiasieg über 100 Meter in Seoul 1988 der Einnahme unerlaubter Substanzen überführte. Immer mehr Sportler verfingen sich im Netz der immer schärfer werdenden Dopingkontrollen. Seit 1966 werden bei allen internationalen Sportveranstaltungen automatisch Dopingtests durchgeführt. Zum normalen Erscheinungsbild nach Fußballspielen im Profibereich gehört der per Los ermittelte Spieler, der in der Kabine verzweifelt ein Bier nach dem anderen trinkt, um die geforderte Probe liefern zu können. Fallen die Proben positiv aus, ist eine Sperre fällig, und dies selbst dann, wenn man, wie der deutsche Langstreckenläufer Dieter Baumann, behauptet, ein jemand habe die tückische Substanz per Manipulation in die Zahnpasta-Tube geschmuggelt.

Das beste Doping aller Zeiten nahm Spiridon Louis ein. Der griechische Hirte gewann 1896 bei den ersten Olympischen Spielen der Neuzeit in Athen im Marathonlauf. die in der griechischen Hauptstadt stattfanden, im Marathonlauf. Für die etwas über 42 Kilometer brauchte er 2 Stunden, 58 Minuten und 50 Sekunden. Vielleicht wäre er noch schneller gewesen, hätte er nicht unterwegs, weil er so viel Vorsprung hatte, Station in einer Taverne gemacht und dort in aller Ruhe ein Glas Retsina zu sich genommen. Wahrscheinlich hat ihn aber das alkoholische Doping erst so richtig in Fahrt gebracht, denn mit dem Wein im Blut überholte er mühelos die vor ihm Laufenden und kam schließlich als erster im Ziel an. Glücklich waren auch seine Sponsoren – keine Weltfirmen, sondern ein Friseur und ein Schuhputzer. Auf Lebenszeit wollten sie nun dem Athleten sein Haar frisieren und seine Schuhe polieren. Und auch das Internationale Olympische Komitee zeigte sich generös, sah über das Delikt des Alkoholkonsums auf der Landstraße hinweg und schenkte dem Hirten zur Belohnung - eine Ziege.