Reiseerlebnisse

Pepouza

Wo ist Pepouza?

 

Im Herzen Anatoliens, in der historischen Landschaft Phrygien, befand sich im 2. Jahrhundert n. Chr. das Kultzentrum der Montanisten. Der Gründer dieser christlichen Sekte – Montanus – vertrat die Ansicht, die Rückkehr Jesu werde hier und nicht in Jerusalem stattfinden. So sammelte er einen Kreis von Männern und Frauen um sich, die dasselbe glaubten und die an einem Ort namens Pepouza auf die Rückkehr des Herrn warteten. Als das Ereignis nicht eintrat, löste sich die Gemeinschaft wieder auf. Vor einigen Jahren gelang es Archäologen, den Ort ausfindig zu machen. Erst als sie sicher waren, das legendäre Pepouza entdeckt zu haben und die Grabungen offiziell beendet waren, publizierten sie die Ergebnisse ihrer Arbeit.

Auf dem Dorfplatz

Als wir im September 2011 eine Studienreise nach Phrygien unternahmen, war uns klar: Wir wollen auch nach Pepouza. Frischere Eindrücke vom Leben dieser merkwürdigen Sekte konnte man nicht gewinnen, da die archäologischen Arbeiten erst kurz zuvor beendet worden waren. Und das Erlebnis, eine neu entdeckte historische Stätte in der Türkei zu besuchen, wollten wir unserer Gruppe auf keinen Fall vorenthalten. Doch wo lag Pepouza? Die Archäologen hatten von der Lokalität an sich noch keine genauen Beschreibungen geliefert. Es existierten nur unklare Hinweise auf ein Flusstal und einen hoch in den Felsen gehauenen Klosterkomplex. Zusammen mit unserem türkischen Freund und Reisebegleiter entwickelten wir einen Plan.

Unsere Busse

In solchen Fällen ist es ratsam, sich des einheimischen Sachverstandes zu bedienen. Wir fragten in einem Dorf in der Nähe die Männer in der Teestube auf dem Marktplatz nach „Pepouza“. Sofort herrschte Ausnahmezustand, das ganze Dorf war in Aufruhr, alle wollten helfen. Der Bürgermeister erschien (ohne Amtskette allerdings), Frauen und Kinder eilten herbei. Alle wussten, wo Pepouza liegt – aber: jeder nannte eine andere Stelle. Wir müssen nach Osten fahren, nach Westen, nach Norden, nach Süden, die Straße links, die Straße rechts, das Tal hinunter, den Hügel hinauf.. Schließlich luden einige Männer unseren türkischen Begleiter in einen Geländewagen und machten sich gemeinsam auf die Suche. In der Teestube am Marktplatz wurde es jetzt richtig gemütlich. Unsere Gruppe unterhielt sich bestens mit den Bewohnern des Dorfes. Einige der Männer berichteten stolz, dass sie in Deutschland gearbeitet hatten (Stuttgart, Sindelfingen, Rüsselsheim …).

Der Weg nach Pepouza

Wir erprobten unsere Türkischkenntnisse und ernteten anerkennendes Lächeln, wenn wir nicht etwas sprachlich völlig Falsches sagten. Die spontane Herzlichkeit der Menschen war umwerfend. Nach einer Stunde kamen die Scouts zurück, mit der frohen Botschaft: Sie hatten Pepouza gefunden. Nun war es aber zu spät geworden, um noch dorthin zu fahren. Das wurde am nächsten Morgen nachgeholt. Und wir wurden belohnt mit dem Erlebnis einer Ausgrabungsstätte der besonderen Art. Hier, in der Einsamkeit der Natur inmitten einer bizarren Felslandschaft, konnte man gut nachvollziehen, warum Montanus mit seinen Anhängern an diesem Ort auf die Wiederkunft Jesu gewartet hatte.

Die Höhlen von Pepouza

Im Jahr darauf waren wir wieder in Phrygien, und natürlich stand auch Pepouza wieder auf dem Programm. Jetzt wussten wir ja, wo es lag. Doch dieses Mal spielte das Wetter nicht mit. Am Tag vorher regnete es. Zum Glück ließ der Regen nach, als wir uns mit zwei Kleinbussen auf den Weg machten. Wir erreichten die Stätte der Montanisten und waren wieder sehr beeindruckt. Der Rückweg gestaltete sich etwas schwieriger, weil die schmale, nicht gepflasterte Straße, die Pepouza mit der Hauptstraße verband, noch vom Regen aufgeweicht war. Einer der beiden Busse kam nicht mehr weiter. Zum Glück war die Hauptstraße nicht mehr weit entfernt. Dort nahm uns alle der große Bus auf, mit dem wir in Phrygien unterwegs waren. Der Bus fuhr uns in ein Dorf – nicht dasselbe wie im Vorjahr, aber mit genauso schönen Erlebnissen. Und die Bewohner überboten sich, wie ihre Landsleute im Jahr zuvor, im Teelokal am Dorfplatz mit Beweisen der Gastfreundschaft. Und auch der Bürgermeister schaute vorbei. Da wären wir nach dem, was wir im Jahr zuvor an Aufmerksamkeit erfahren durften, auch fast schon enttäuscht gewesen, wenn der erste Bürger des Dorfes nicht gekommen wäre …