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Holger Sonnabend - Geschichte aktuell

Solon – Antiker Prototyp der Verordner und Regulierer

Solon (640-560 v. Chr.) war einer der Wegbereiter der Demokratie in Athen. 594 v. Chr. wählten ihn seine Mitbürger in einer politischen und sozialen Krisensituation zu einem mit allen Kompetenzen ausgestatteten Vermittler zwischen dem Adel und dem Volk. In dieser Eigenschaft verordnete er, obwohl selbst Aristokrat, den Athenern die Abkehr vom bisherigen Adelsstaat, indem er die politischen Rechte nicht mehr von der Herkunft, sondern von der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit abhängig machte. Wer viel und erfolgreich arbeitete, so sein Credo, sollte mehr Rechte haben als diejenigen, die sich nur auf ihr blaues Blut beriefen oder die überhaupt nichts taten. Daraus würde sich ein engeres Verhältnis zum Staat ergeben.

Solon

Der pflichtbewusste Schlichter beließ es aber nicht nur bei dieser zentralen Reform. Indem er eine Reihe weiterer Gesetze durchbrachte, die bis weit in die Privatsphäre der Athener reichten, wurde er zum historischen Prototyp des allseits beliebten Verordnungspolitikers, der, wie man weiß, auch heute noch gelegentlich in Erscheinung tritt. Die Menschen waren seiner Meinung nach nicht selbst in der Lage, ihr Leben richtig zu gestalten, also musste man nachhelfen. Außerdem sollten alle das gleiche tun, Individualität war nicht mehr gefragt. So hoffte er, die Streitigkeiten, unter denen Athen gelitten hatte, zu beseitigen.

Ein erstes Gesetz betraf den Zuzug von Fremden, das heißt von Menschen, die aus einer anderen griechischen Stadt stammten oder die überhaupt keine Griechen waren. Sie sollten, so verfügte Solon, Athener werden dürfen (das heißt: das athenische Bürgerrecht erwerben), wenn zwei Voraussetzungen gegeben waren: Erstens mussten sie den Nachweis erbringen, dass sie aus ihrer Heimat verbannt worden waren und zweitens glaubhaft versichern, dass sie die Absicht hatten, in Athen einer geregelten Arbeit nachzugehen. Bei dieser Regelung dachte Solon weniger an die Situation der Fremden als vielmehr an ihren Nutzen für Athen: Wer verbannt war, musste ein politischer Mensch sein, und solche Leute konnte man in einem Staat, der nach dem Willen Solons mehr engagierte Bürger haben sollte, gut gebrauchen. Und wenn die Zugezogenen arbeiteten, so diente dies der Förderung von Wirtschaft, Handel und Gewerbe und damit der Prosperität Athens.

Vasenbild mit Hund

Ein zweites Gesetz bestimmte: Wer über Verstorbene etwas Schlechtes sagt, wird bestraft. Dachte Solon hier etwa daran, was die Leute später einmal über ihn sagen würden? Selbstverständlich nein - Solon dachte immer nur an das Wohl von Staat und Volk. Hier ging es ihm einfach darum, eine Solidargemeinschaft der Bürger herzustellen, in der Respekt und Achtung herrschten.

Eine große Rolle spielten in Solons Gesetzgebung die Frauen. Darüber informiert ausführlich der antike Solon-Biograph Plutarch. So präsentiert er die folgenden erstaunlichen Einzelheiten:

"Er gab für die Ausfahrten der Frauen, für Trauer und für Feierlichkeiten ein Gesetz, das Unordnung und Zuchtlosigkeit einschränken sollte. Er verordnete, dass eine Frau, wenn sie eine Reise machte, nicht mehr als drei Kleider bei sich haben sollte, für Essen und Trinken nicht mehr als eine Obole, keinen zu großen Korb, sie sollten auch nicht nachts verreisen, außer wenn jemand mit einer Fackel vor ihrem Wagen herläuft."

Stand es um die Moral der athenischen Frauen so schlecht? Das war jedenfalls die Meinung Solons, und so erreichte seine Reglementierwut hier eine rekordverdächtige Dimension. Bei den Frauen dürften seine demoskopischen Werte allerdings in den Keller gefallen sein.

Als nächstes fiel sein strenger Blick auf die die Gestaltung von Begräbnisfeiern, wie wiederum Plutarch berichtet:

"Bei der Trauer schaffte er das Zerkratzen der Gesichter, das Singen von Klageliedern und den Brauch ab, auch bei Begräbnissen anderer mitzuweinen. Er erlaubte nicht, einen Ochsen als Totenopfer zu bringen, mehr als drei Kleider ins Grab mitzugeben und fremde Grabmäler zu besuchen außer bei der Bestattungsfeier."

Auch hier bleibt Solon seiner Linie treu: Erzeugung von Disziplin durch Regeln und Vorschriften, lautete die Devise – auch wenn es nicht allen geglückt sein dürfte, bei Trauerfeierlichkeiten die von Solon auf den Index gesetzten Tränen zu unterdrücken.

An EU-Richtlinien erinnern die folgenden Bestimmungen: "Er verordnete, dass die Bauern beim Setzen von Pflanzen auf ihrem Acker vom Nachbarn einen Abstand von 5 Fuß, bei Feigen- und Ölbäumen 9 Fuß Abstand halten sollten. Denn diese greifen mit ihren Wurzeln weiter aus und sind nicht für alle Pflanzen unschädliche Nachbarn, sondern entziehen ihnen die Nahrung und verbreiten eine für manche schädliche Ausdünstung. Bienenstöcke durfte man nur in 300 Fuß Entfernung von solchen aufstellen, die von einem anderen schon vorher angesetzt waren."

Schließlich die Krönung des ganzen Reformpakets: "Auch ein Gesetz über Schäden durch Vierfüßler wurde von Solon eingebracht, worin verordnet war, dass ein Hund, der jemanden gebissen hat, an einem drei Ellen langen Halseisen auszuliefern ist." Kommentar Plutarch: "Der Gedanke ist gut zur Förderung der Sicherheit." Hundebesitzer werden anders gedacht haben.

Weniger wegen dieser Gesetze als wegen seiner Tätigkeit als Autor vieler kluger Gedichte adelte ihn bereits die Antike mit der Aufnahme in den illustren Kreis der „Sieben Weisen“. Solons Anteil an der Entwicklung der Demokratie wurde ebenfalls gerühmt. Doch nicht wenige fragten sich auch, ob die Reglementierung des Privatlebens unbedingt ein Bestandteil dieser Demokratie sein musste – und nicht am Ende sogar dem Gedanken der Demokratie im Sinne einer freien Gestaltung des eigenen Lebens im Wege stand.