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Holger Sonnabend - Geschichte aktuell

König der Athleten: Die unglaubliche Geschichte des Milon von Kroton

 

Der größte Sportler der Antike stammte aus dem Süden Italiens, genauer: aus der Stadt Kroton, die heute den Namen Crotone trägt. Sie liegt in der schönen Landschaft Kalabrien, nicht weit von der Region Basilikata entfernt. Die Stadt war um 730 v. Chr. von Griechen aus Achaia auf eine Weisung des Orakels von Delphi als Kolonie angelegt worden. Schon bald brachte sie es zu politischer und wirtschaftlicher Bedeutung und wurde zur wichtigsten Stadt im griechischen Unteritalien.

Die Hafenstadt Crotone

Der berühmteste Sohn der Stadt war der Sportler Milon und wurde um 555 v. Chr. geboren. Er verfügte über zwei wichtige Voraussetzungen, um in der damaligen Zeit sportliche Karriere zu machen: Er hatte eine immense körperliche Konstitution, und er gehörte der Aristokratie an. Als Mitglied der Adelsgesellschaft von Kroton war er materiell unabhängig genug, um sich intensiv der Athletik zu widmen. Außerdem teilte er die Mentalität des Adels seiner Zeit. Ein zentrales Element der griechischen Adelsethik war der agon, der Wettstreit und das Kräftemessen zur Demonstration von arete, d.h. einer besonderen körperlichen Leistungsfähigkeit. Die homerischen Helden hatten dieses Prinzip noch in der militärischen Auseinandersetzung ausleben können. In der Zeit Milons hatte sich die Kampfesweise geändert. Die alte aristokratische Kriegerelite war durch die Hoplitentaktik abgelöst worden. Statt Mann gegen Mann kämpften jetzt schwerbewaffnete Fußsoldaten in geschlossener Schlachtreihe gegeneinander. Nicht geändert hatte sich das Streben des Adels nach der Bewährung im Wettbewerb, um sich dort als der Beste zu erweisen. Der Sport bot in wesentlich friedlicherer Form als zuvor der Krieg die Chance, sich hier Meriten zu erwerben.

Als der Aristokrat Milon von Kroton sich anschickte, die Welt des antiken Sports zu dominieren, gab es für ihn und seine Adelskollegen vier Orte in Griechenland, an denen sie ihre athletischen Fähigkeiten sowohl den Konkurrenten als auch einer größeren Öffentlichkeit unter Beweis stellen konnten. Das älteste gesamtgriechische Sportfest fand in Olympia statt. Bei den Olympischen Spielen versammelten sich seit 776 v. Chr. alle vier Jahre Athleten aus der gesamten griechischen Welt, zum sportlichen Wettkampf. Anfang des 6. Jahrhunderts v.Chr. kamen mit Delphi (die Pythischen Spiele), Korinth (die Isthmischen Spiele) und Nemea drei weitere herausragende Wettkampfstätten hinzu.

Antike Ringer

Die Spezialität des Milon von Kroton war der Ringkampf. Diese Disziplin dominierte er über einen Zeitraum von fast 30 Jahren. Bei den Olympischen Spielen des Jahres 540 v. Chr. machte er zum ersten Mal auf sich aufmerksam, als er den Ringerwettbewerb der Junioren gewann. Am Ende seiner langen Karriere lautete die beeindruckende Bilanz: Sechs Siege in Olympia, sechs Siege bei den Pythischen Spielen, zehn Siege bei den Isthmischen Spielen, neun Siege in Nemea. Einen siebten Erfolg in Olympia verhinderte sein sehr viel jüngerer Landsmann Timasitheos, der die Ringerlegende Milon wohl vor allem deshalb zu bezwingen vermochte, weil er ihn im Kampf nicht so nahe an sich heranließ, dass Milon seine körperliche Überlegenheit ausspielen konnte.

Das scheint aber die einzige Niederlage gewesen zu sein, die Milon in seinem Sportlerleben hinnehmen musste – sieht man einmal von einer etwas obskuren Geschichte ab, wonach ihn ein einfacher Hirte namens Titormos zu einem Duell im Kräftemessen herausgefordert habe. Als Testobjekt einigte man sich auf einen Felsblock in einem Fluss. Titormos konnte ihn mit Leichtigkeit aufheben und transportieren, Milon jedoch soll in dem Bemühen, den Felsen zu bewegen, dramatisch versagt haben. Als Titormos dann zur weiteren Demonstration seiner Fähigkeiten auch noch zwei wilde Stiere mit bloßen Händen festhielt, zeigte sich der große Athlet Milon als fairer Verlierer und nannte den Hirten einen zweiten Herakles.

Wahrscheinlich ist diese Geschichte ebenso unwahr wie die zahlreichen Heldentaten, die ihm die antike Überlieferung zuschreibt. Sie beweist jedoch, zu welchen Phantasien die überragenden sportlichen Leistungen des Athleten aus Kroton anzuregen vermochten. Die meisten diesbezüglichen Informationen stammen von dem griechischen Reiseschriftsteller Pausanias, der im 2. Jahrhundert n. Chr. Griechenland bereiste, dabei auch nach Olympia kam, dort eine Statue des Milon sah und dies zum Anlass nahm, Geschichten über seine legendären Körperkräfte zu erzählen. Einen Granatapfel hielt Milon so fest in der Hand, dass es niemandem gelang, ihm diesen zu entreißen, und dabei wies die Frucht nicht eine einzige Druckstelle auf. Dann stellte er sich einmal auf einen Diskus, der mit Öl eingefettet wurde, und doch schaffte es keiner, ihn von diesem Diskus herunterzustoßen. Eine weitere Glanztat Milons bestand darin, dass er eine um seinen Kopf geschlungene Darmsaite zum Platzen brachte, indem er den Atem anhielt und seine Stirnadern anschwellen ließ.

Neben diesen zwar ziemlich sinnfreien, wenn auch beeindruckenden Kunststücken interessierte die antike Gerüchteküche besonders die Frage, wie Milon zu seinen fast übermenschlichen Körperkräften gekommen war. Eine gängige, ernährungsphysiologisch wenig ausgewogene Antwort bestand darin, dass dafür ein überdurchschnittlicher Konsum an Nahrungsmitteln verantwortlich sein müsse. Einmal soll Milon, so wird erzählt, einen vierjährigen Stier auf seine Schultern gehoben und in das Stadion von Olympia getragen haben, um ihn danach zu schlachten und an einem einzigen Tag aufzuessen. Andere behaupteten, den Speiseplan des Athleten genau zu kennen: Demnach konsumierte Milon täglich 20 Pfund Fleisch und die gleiche Menge Weizenbrot, und dazu trank er 10 Liter Wein. Wieder andere glaubten an Zauberei: Das ganze Geheimnis seien Kristallsteine aus dem Magen eines Hahnes, die Milon zu sich zu nehmen pflegte. Die wirkliche Erklärung wird simpler sein. Milon war von Natur aus mit gewaltigen Kräften gesegnet, und als Aristokrat hatte er die nötige Zeit zum Training – vielleicht stimmt es ja sogar, dass zu seinem täglichen Übungspensum der Transport eines Kalbes gehörte, das er immer noch trug, als dieses längst zu einem ausgewachsenen Stier geworden waren. Die Ratschläge der griechischen Medizin für eine sinnvolle Ernährung von Sportlern dürften jedenfalls für Milon zu früh gekommen sein. Erst im 5. Jahrhundert v. Chr. entwickelte der berühmte Arzt Hippokrates ein spezielles Nahrungsprogramm für Sportler, das darauf abzielte, diese zum rechten Zeitpunkt in Hochform zu bringen. Zugleich warnte der Arzt vor unerwünschten Risiken und Nebenwirkungen: Die Hochform sei nicht lange zu halten, dann würde der Körper wieder erschlaffen.

Capo Colonna bei Crotone

Wer in Olympia oder den anderen großen Wettkampfstätten siegte, wurde zu einer Berühmtheit, und das nicht nur in sportlicher Hinsicht. Natürlich schätzten es die Athleten, wenn sie ihre Siegeskränze erhielten – in Olympia stammten die Zweige von Ölbäumen, in Delphi von Lorbeeren, in Korinth von Fichten und in Nemea bemerkenswerterweise von Sellerie. Es gefiel ihnen auch, wenn sie prominente Dichter wie Pindar fanden, die, freilich nicht ohne üppiges Honorar, ihre sportlichen Großtaten in Siegeshymnen priesen und somit aller Welt von der arete der Athleten kündeten. Willkommener aber waren wohl die materiellen Ehrungen, die sie von den stolzen Heimatstädten erhielten. Schließlich fiel das Prestige eines erfolgreichen Athleten auch auf seine Mitbürger und auf die ganze Stadt zurück. So durfte sich ein Olympiasieger etwa über Geldpreise (die Athener zahlten ihren Olympioniken eine Prämie von 500 Drachmen) oder lebenslange kostenlose Teilnahme an öffentlichen Banketten freuen.

Als unangefochtener Meister der Ringer, der auf der Skala des sportlichen Erfolges ungeahnte Dimensionen erschlossen hatte, warteten auch auf Milon besondere Ehrungen von Seiten seiner Heimatstadt Kroton. Ohne Zweifel eine Folge seiner sportlichen Qualitäten und Meriten war es, dass ihm seine Mitbürger im Jahre 510 v. Chr. – 30 Jahre nach seinem ersten Sieg in Olympia - die Leitung eines Kriegszuges gegen die Nachbarstadt Sybaris anvertrauten. Milon enttäuschte die Erwartungen nicht. Wie sein Vorbild Herakles mit Löwenfell bekleidet und mit Keule bewaffnet, stürmte er an der Spitze der Armee von Kroton den Feinden entgegen. Vor allem dank seiner gewaltigen Körperkräfte gelang es der Streitmacht von Kroton, das Aufgebot von Sybaris in die Flucht zu schlagen. Diese patriotische Heldentat trug Milon, wie der griechische Historiker Diodor berichtet, wieder einmal die grenzenlose Bewunderung seiner Mitbürger ein. Kurze Zeit später starb Milon – kaum mehr als 45 Jahre alt. Die Ursache des frühen Ablebens ist unbekannt.

Einen Pionier des antiken Sports stellt Milon von Kroton nicht nur deswegen dar, weil er mit seinen Erfolgen als Athlet für alle Zeiten Maßstäbe gesetzt hat. Modellhaft wirkte auch die an seiner Person erstmals festzumachende Tendenz, Leben und seine Taten großer Sportler legendär zu verklären und phantasievoll auszugestalten. Ein besonders dramatisches Beispiel ist Kleomedes, der bei den Olympischen Spielen des Jahres 492 v. Chr. im Faustkampf gesiegt hatte, wobei aber fatalerweise sein Gegner Ikkos ums Leben gekommen war. Als ihm das Kampfgericht daraufhin unter dem Vorwurf, mit unerlaubten Mitteln gearbeitet zu haben, den Titel wieder aberkannte, soll er laut Pausanias vor Schmerz wahnsinnig geworden sein. Ausdruck dieser Verwirrung war, dass er in seiner Heimatstadt Astypalaia in das Schulgebäude ging und die Säule umstürzte, die das Dach zusammenhielt. 60 Schüler kamen bei der Aktion ums Leben, seine Mitbürger bewarfen ihn mit Steinen, und Kleomedes suchte Asyl im Heiligtum der Athena. Als man in den Tempel eindrang, war der Athlet verschwunden. Vom delphischen Orakel, das man in dieser mysteriösen Angelegenheit um Rat fragte, erhielt man die Auskunft, Kleomedes weile nicht mehr unter den Sterblichen, und man solle ihm kultische Ehren erweisen.

Nicht so überzeugt von den Qualitäten eines ruhmreichen Sportlers waren die griechischen Philosophen. Statt athletischer Spitzenleistungen forderten sie eine maßvolle körperliche Tätigkeit in Harmonie mit einer entsprechenden musischen und geistigen Bildung. Damit mag sich mancher ambitionierte Sportler getröstet haben, der nicht das Zeug zu einem Milon von Kroton hatte. Die klassische Bürgergesellschaft der Poliszeit, die im 5. Jahrhundert v. Chr. die heroische Adelswelt ablöste, schätzte sportliche Aktivitäten vor allem als einen Bestandteil des Militärdienstes. In Athen und vielen anderen Städten hatten die jungen Männer als sogenannte Epheben zwischen dem 18. und 20. Lebensjahr eine militärische Ausbildung zu absolvieren, bei der gymnastische Übungen einen hohen Stellenwert hatten. Eine Sonderrolle spielte der spartanische Kriegerstaat, der schon Kinder zum militärischen Drill verpflichtete und in dem sich auch junge Frauen im Laufen, Ringen, Schwimmen sowie im Diskus- und Speerwurf zu betätigen hatten. Fester Bestandteil einer griechischen Stadt war das Gymnasium, in dem junge Männer mit sportlichen Übungen auf den Ernstfall Krieg vorbereitet wurden. In dem Maße, wie im Laufe des 4. Jahrhunderts v. Chr. und vor allem in der von Alexander dem Großen. eingeleiteten Zeit des Hellenismus Söldnertruppen das Bürgerheer ersetzten, wandelte sich das Gymnasium allerdings zu einer elitären Bildungsstätte, in der der Sport eine immer geringere Rolle spielte.

Was hat Milon von Kroton mit dem armenischen Königssohn Varazdates gemeinsam? Milon war der berühmteste, Varazdates der letzte Sieger bei den Olympischen Spielen der Antike. Bei den 293. Spielen im Jahre 393 n. Chr. gewann Varazdates, gut 900 Jahre nach der Glanzzeit Milons und weit über 1100 Jahre nach den Anfängen der Spiele in Olympia, den Faustkampf. Danach wurde auf kaiserliche Anordnung ein Schlussstrich unter die Olympischen Spiele und auch unter die anderen Wettkämpfe gezogen. Verantwortlich dafür war Kaiser Theodosius, der in die Geschichte als derjenige eingegangen ist, der das Christentum zur Staatsreligion im Römischen Reich machte. Das tat er nicht so sehr deswegen, weil die christliche Ethik Demut höher ansiedelte als durch sportliche Tätigkeit produzierten Schweiß und Askese mehr schätzte als durch körperliche Aktivität erworbenen Ruhm. Vielmehr galt Olympia als ein Symbol für den heidnischen Glauben, weil man den Ursprung der Spiele als eine Veranstaltung zu Ehren des Gottes Zeus nicht vergessen hatte. Zeus aber hatte in der nun christlich dominierten Welt keinen Platz mehr, und so mussten auch die Olympischen Spiele verschwinden.

Erst 1896 wurden sie auf Initiative des französischen Barons Pierre de Coubertin reaktiviert. Zwar knüpfte Coubertin direkt an die Tradition der Spiele der Antike an, weswegen sie folgerichtig auch in Griechenland – zwar nicht in Olympia, immerhin aber in Athen – stattfanden. Sein eigentliches Anliegen aber war es, die nach dem Krieg gegen Deutschland von 1870/71 demoralisierte französische Nation neu zu beleben – eben durch körperliche Ertüchtigung der Jugend im Wettstreit mit der Jugend der Welt. Hinzu kam eine Vision von Völkerverständigung durch gemeinsamen sportlichen Wettkampf – eine gegenüber der Antike neue Komponente. Mit sieben Disziplinen starteten die ersten Olympischen Spiele der Neuzeit, inklusive dem Ringkampf, der Paradedisziplin des Milon von Kroton. Frauen waren als Wettkämpfer in Athen noch nicht dabei, dies war erst vier Jahre später in Paris erstmals der Fall.

Was Ruhm und Prestige angeht, fand Milon 1896 einen würdigen Nachfolger in dem Hirten Spiridon Louis aus dem kleinen Dorf Maroussi bei Athen. Dieser gewann den ersten Marathonlauf der olympischen Geschichte. Damit knüpfte man an die Legende von dem Athener an, der 490 v.Chr. im Laufschritt die Nachricht von dem Sieg über die Perser bei Marathon nach Athen gebracht haben soll. 1896 war der Marathonlauf auf Drängen der Griechen ins Programm aufgenommen worden – und dies nicht nur als Reminiszenz an die glorreiche antike Vergangenheit. Vielmehr sollte mit dem Mythos Marathon auch Politik gemacht werden. 490 v.Chr. hatten die Griechen das Abendland vor der Invasion der Perser gerettet. Jetzt sollte alle Welt darauf aufmerksam gemacht werden, dass sich die Griechen in der Rolle des Bollwerks des Abendlandes gegen die Türken sahen. Diese Propaganda konnte ihren Zweck freilich nur dann voll erfüllen, wenn ein Grieche des Marathonlauf von 1896 gewinnen würde. Spiridon Louis tat seiner Nation den Gefallen und wurde, als moderner Milon von Kroton, zum Volkshelden. Auch der materielle Ertrag konnte sich, wie in der Antike, sehen lassen: Vom Internationalen Olympischen Komitee erhielt Louis eine Ziege, vom griechischen König einen Eselskarren. Der Staat gewährte eine kleine Pension, von einem Friseur bekam er das Versprechen des lebenslangen kostenlosen Frisierens, von einem Schuhputzer die Zusage des lebenslangen kostenlosen Schuhputzens. Der Hirte Spiridon Louis war mit diesem Ertrag seiner sportlichen Leistung zufrieden. Heutigen Spitzensportlern muss man bekanntlich etwas mehr bieten.