Es gibt Neuigkeiten bei den Büchern:

 

"Triumph einer Untergrundsekte"

ist erschienen.

 

 

  

Geschichte spannend, attraktiv und kompetent präsentiert.

Holger Sonnabend - Geschichte aktuell

Aus der Geschichte lernen - das türkische Vorbild

 

Viel ist aktuell davon die Rede, dass der gegenwärtige türkische Staatspräsident sich bei der Gestaltung seiner Herrschaft die osmanischen Sultane zum Vorbild genommen hat. Übersehen wird dabei eine ganz andere Quelle der Inspiration, die sich quasi vor der Haustür seines Palastes in Ankara befindet. In der Wissenschaft fungiert es unter dem Namen „Monumentum Ancyranum“ - das „Monument von Ancyra". Ancyra war der antike Name der heutigen türkischen Hauptstadt. Dort stand in der Zeit, als die Römer über die heutige Türkei herrschten, ein großer Tempel, gewidmet der Roma (der Stadtgöttin von Rom) und Augustus (dem ersten römischen Kaiser). An den Wänden des Tempels befand sich eine zweisprachige, lange Inschrift – auf Latein und auf Griechisch. Der griechische Text war eine Serviceleistung für die überwiegend griechischsprachige Bevölkerung im Osten des Römischen Reiches. Der Originaltext war Latein. Verfasser war niemand Geringerer als Augustus persönlich, der als derjenige in die Römische Geschichte eingegangen ist, der die Republik beseitigte und eine Monarchie installierte. Kurz vor seinem Tod 14 n. Chr. legte Augustus eine schriftliche Bilanz seines politischen Lebens vor, in der weisen Erkenntnis, dass es besser ist, selbst für sein posthumes Bild zu sorgen als sich auf das Urteil der Nachwelt zu verlassen.

Augustus

Den Text ließ Augustus zuerst in Rom anbringen, wie in Ankara als öffentlich zugängliche Inschrift. Zuerst zierte er den Eingangsbereich seines Mausoleums auf dem Marsfeld, wo er auf zwei großen bronzenen Tafeln angebracht war. Aber auch die große weite Welt draußen sollte wissen, was für ein genialer, segensreicher, verantwortungsbewusster, von allen respektierter, ja geliebter Herrscher Augustus gewesen war. So wurden in alle Teile des Reiches Kopien gesandt, mit dem Auftrag, sie so zu platzieren, dass möglichst viele Menschen die Taten, Leistungen und Verdienste des Kaisers würdigen konnten.

Fast alle Abschriften, die damals in Umlauf gebracht wurden, sind heute nicht mehr erhalten. Ankara ist eine der großen Ausnahmen. Der antike Tempel ist noch da, seit einigen Jahren sogar frisch restauriert, die Inschrift ist ebenfalls noch da, und um den Tempel herum hat man eine schöne Parkanlage errichtet. Ein Platz zum Verweilen und zum Nachdenken über das Wesen der Macht.

Hier muss auch der gegenwärtige türkische Staatspräsident nachgedacht haben, oder er hat jemanden vorbeigeschickt, der ihm alles erzählt hat.

Der ihm erzählt hat, wie Augustus, der eigentlich Octavian hieß, die alte republikanische Ordnung aushebelte und sich zum Alleinherrscher machte. Und wie er es anstellte, dies so aussehen zu lassen, als habe er die Republik gerettet. Es waren unruhige Zeiten, der Staat befand sich in einer Krise.

Und so liefert er gleich zu Beginn seiner Leistungsbilanz allen seinen Nacheiferern eine Gebrauchsanweisung, wie man eine Monarchie installiert, indem man behauptet, man habe die bestehende Ordnung gesichert. „Ich habe", so steht es auf dem Monument von Ankara, "den durch die Willkürherrschaft einer bestimmten Gruppe unterdrückten Staat befreit.“ Hört sich gut an und kommt bekannt vor, wenn man an Ereignisse der jüngeren Vergangenheit denkt. In Wirklichkeit war Octavian zuerst mit jenen Kräften verbündet, denen er nachträglich vorwarf, sie hätten eine Diktatur errichten wollen. Im Rom des Augustus war Mark Anton, sein ehemaliger Partner und späterer Erzfeind, jene Reizfigur, die jeder Alleinherrscher braucht, weil sie das Alibi für den Erwerb besonderer Machtbefugnisse liefert. Den heute gerne verwendeten Begriff „Terrorist“ für politische Gegner und Jubelverweigerer kannte Augustus allerdings noch nicht – obwohl es sich um eine aus dem Lateinischen abgeleitete Wortschöpfung („Furcht“, „Schrecken“) handelt.

Wegen dieser Verdienste um die Freiheit des Staates, so sagt Augustus in den Zeilen auf dem Tempel in Ankara, haben ihm das Volk und die politischen Gremien in Rom außergewöhnliche Vollmachten übertragen, weil nur er der Garant für Sicherheit und Ordnung auch für die Zukunft gewesen sei. Weil so viele Menschen aber noch Anhänger der Republik waren, tat Augustus so, als habe er die Republik wiederhergestellt. Seine Machtstellung beruhte verfassungsmäßig auf der Kumulation von Ämtern, die schon aus der Zeit der Republik bekannt waren – nur, dass er sie alle auf einmal und später auch ohne zeitliche Begrenzung bekleidete. Und er rühmte sich der (scheinbaren) Wiederherstellung einer alten Ordnung, an deren Zerstörung er selbst erheblichen Anteil gehabt hatte.

Monumentum Ancyranum

Die meisten Römer störte das nicht oder sie merkten es auch nicht, zumal es Augustus verstand, die Menschen bei Laune zu halten. Buchhalterisch genau zählt er in seinem Bericht die Ehrungen auf, mit denen ihn seine Mitrömer überhäuften. Ihre Dankbarkeit kannte keine Grenzen, und das sollten auch alle wissen. Und er tat ja auch viel für das Volk. Seitenlang lässt sich Augustus über Wohltaten wie Getreide- und Lebensmittelspenden aus, mit dem klaren Signal an Alleinherrscher späterer Zeiten: Kümmert euch um das Volk, dann geht das Regieren leichter.

Und eine weitere Lehre: Man muss eine expansive Außen- und Militärpolitik betreiben. „In allen Provinzen des römischen Volkes, denen Völker benachbart waren, die unserer Herrschaft nicht gehorchen wollten, habe ich die Grenzen erweitert.“ Gefürchtete Könige, Fürsten und Heerführer hätten sich ihm, Augustus, unterworfen und um Freundschaft gebeten. Sie suchten bei ihm, wie es im Monumentum Ancyranum heißt, „demütig bittend Zuflucht.“

Vielleicht hat man dem gegenwärtigen Bewohner des prächtigen Präsidenten-Palastes in Ankara auch mitgeteilt, was der Text auf den Wänden des Roma- und Augustus-Tempel in Ankara über die Bedeutung der Religion sagt. „82 Heiligtümer verschiedener Gottheiten habe ich in der Stadt (Rom) mit Ermächtigung durch den Senat wieder aufbauen lassen.“ Eine Handlung mit Symbolkraft: In der Abkehr von der traditionellen Religion, in der Säkularisierung der Gesellschaft sah Augustus einen der wichtigsten Gründe dafür, dass der römische Staat in eine Schieflage geraten war. Jedenfalls behauptete er es, auch, weil es ihm und seiner Macht politisch nutzte, wenn er sich als der Sachwalter der alten Religion ausgab und gegen alles Neue wetterte.

Schließlich Baumaßnahmen. Augustus wusste, dass man mit Großprojekten dieser Art viel Prestige gewinnen konnte. Natürlich befanden sich in seinem Repertoire noch keine Mega-Flughäfen, Mega-Brücken oder Mega-Tunnel. Doch seine Aktivitäten konnten sich absolut sehen lassen. Und er wusste, dass ein Stück demonstrativer Bescheidenheit auch immer gut ankam: „Den Tempel auf dem Kapitol und das Theater des Pompeius ließ ich mit großem Aufwand wiederherstellen, ohne dass irgendeine Inschrift mit meinem Namen angebracht wurde.“

Pleiten, Pannen und Fehlschläge, die es auch unter der Herrschaft des Augustus genug gab, haben in der Erfolgsbilanz natürlich keinen Platz. Keine Rede ist von der demütigenden Niederlage in der Schlacht im Teutoburger Wald oder den Eskapaden seiner Tochter Iulia, die so gar nicht passen wollten zu dem strengen Programm der sittlichen und moralischen Erneuerung, das er seinen Mitrömern verordnet hatte.

Alles zusammengenommen, kann kaum noch ein Zweifel bestehen: Der gegenwärtige türkische Staatspräsident kennt das Monumentum Ancyranum und hat seine Lehren daraus gezogen – für die Sicherung seiner Macht und für die öffentliche Darstellung seines politischen Handelns. So darf man ihm eine vorbildliche Rezeption antiker Handlungsanweisungen attestieren.