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Holger Sonnabend - Geschichte aktuell

Akropolis in Athen

Drakon – Harte Strafen auf dem Weg zur Demokratie

Der Athener Drakon lebte am Ende des 7. Jahrhunderts v. Chr. Er war, ohne es zu wissen, einer der Wegbereiter der Demokratie in Athen – der ersten Demokratie der Weltgeschichte. Bekannt ist er bis heute aber vor allem als Namensgeber besonders harter Strafe, der sprichwörtlichen „Drakonischen Strafen“.

Als Drakon sich daran machte, die Rechtssätze aufzuzeichnen und sie der Bevölkerung zugänglich zu machen, war seine Heimatstadt Athen eine Stadt wie viele andere in Griechenland. Hunderte selbstständiger Stadtstaaten gab es damals bei den Griechen. Die meisten von ihnen wurden von Adligen regiert, waren also „Aristokratien“ („Herrschaft der Besten“) oder „Oligarchien“ („Herrschaft der Wenigen“). In einigen Städten oder Landschaften Griechenlands gab es auch Könige. Nirgendwo existierten zu diesem Zeitpunkt jedoch Demokratien. Gleichwohl gelten die Griechen, genauer: die Athener, als die Erfinder der Demokratie. Tatsächlich wurde in Athen erstmals in der Weltgeschichte eine „Herrschaft des Volkes“ eingerichtet. Die Voraussetzung dafür waren erhebliche gesellschaftliche und wirtschaftliche Schwierigkeiten, in die der athenische Adelsstaat im 7. Jahrhundert v. Chr. geraten war.

Für diese Krise waren mehrere Faktoren verantwortlich. Vor allem hatte die Einführung der Geldwirtschaft, die den Tauschhandel abgelöst hatte, viele Menschen in Schulden gestürzt, weil sie mit dieser neuen Form der Regelung des wirtschaftlichen Lebens nicht zurecht kamen. Viele hatten daher ihre Heimat verlassen und sich ein neues Zuhause in anderen Regionen des Mittelmeergebietes gesucht. Auf der anderen Seite profitierten viele reiche Adlige von dieser Krise, und viele verarmte Menschen lebten bei ihnen in Schuldknechtschaft. Jedoch herrschte auch unter dem Adel alles andere als Harmonie. Eifersüchtig achteten die einzelnen Adligen darauf, dass keiner ihrer Standesgenossen über mehr Macht und mehr Reichtum als sie selbst verfügten. Die Folge waren gewaltsame Auseinandersetzungen, an denen sich auch die ärmeren Schichten beteiligten, die auf eine Verbesserung ihrer sozialen und wirtschaftlichen Lage hofften. Hinzu kam, dass die Händler, die durch umfangreiche geschäftliche Unternehmungen zu Wohlstand gelangt waren, nicht länger die alleinige Führungsrolle des Adels hinnehmen wollten.

Um die Ordnung im Staat wiederherzustellen, wurde der Adlige Drakon im Jahre 621 v. Chr. beauftragt, das geltende Recht aufzuzeichnen und neue Rechtssätze aufzustellen. Mit der ersten Maßnahme sollte jenen Athenern entgegen gekommen werden, die sich über die Willkür, mit der die Adligen das Recht auslegten, beschwerten. Denn bis dahin konnten die Richter, die die Adligen unter sich selbst auswählten, einen Angeklagten ohne weitere Begründung verurteilen. Irgendwelche Möglichkeiten, sich auf bestimmte Gesetze zu berufen, hatten die Verurteilten nicht. Denn sie kannten diese Gesetze nicht, weil sie vom Adel als ihr Geheimnis gehütet wurden. Hier wollte Drakon den Hebel ansetzen: Die Menschen sollten durch die Veröffentlichung der Gesetze mehr Rechtssicherheit bekommen. Gleichzeitig hoffte er auf diese Weise, das Vertrauen in den Staat zu stärken und den Unruhen in der Bevölkerung einen Riegel vorschieben zu können.

Nicht nur das geltende Recht schriftlich festzuhalten, sondern auch neue Rechtssätze zu formulieren, erschien Drakon und seinen adligen Mitstreitern deswegen notwendig, weil die sozialen Auseinandersetzungen immer schärfere Formen angenommen hatten. Mord und Totschlag waren an der Tagesordnung, Athen drohte im Chaos eines Bürgerkriegs zu versinken. Die Spirale der Gewalt war auch deswegen so gefährlich, weil in Athen bis dahin noch weitgehend das Prinzip der Blutrache galt. Das bedeutete, dass eine Familie, aus deren Reihe jemand Opfer eines Gewaltverbrechens geworden war, für sich das Recht in Anspruch nahm, den Täter auf eigene Faust zu bestrafen. Drakons Maßnahmen sahen für die Regelung solcher Fälle nun ein gesetzliches Verfahren vor, in dem die Angelegenheit vor ein ordentliches, unparteiisches Gericht gebracht wurde. Die Umstände der Tat wurden geprüft, und wenn der Täter überführt war, wurde er zur Strafe in die Verbannung geschickt. Hier genoss er staatlichen Schutz vor der Rache der Verwandten des Opfers.

Über Drakon als Person ist fast nichts bekannt. Man weiß nur, dass er aus dem Adel stammte. Vielleicht war er einer der sechs Thesmotheten, wie die Athener jene Beamten nannten, die in Athen für das Rechtswesen verantwortlich waren. Überliefert ist hingegen die Art und Weise, wie er seine Gesetze der Öffentlichkeit zugänglich machte. Aufgeschrieben wurden sie auf mit Nummern versehenen, vertikal aufgehängten und um ihre Achsen drehbaren Holzblöcken (Axones). Ihr genauer Standort ist ebenfalls nicht überliefert. Doch es ist davon auszugehen, dass sie an einem Platz aufgestellt wurden, an dem sie von einer möglichst großen Menge von Menschen eingesehen werden konnten. In Athen war ein solcher geeigneter Platz die Agorá, also das politische und wirtschaftliche Zentrum der Stadt zu Füßen der Akropolis. Damals waren allerdings nur die wenigsten Menschen in der Lage, die Texte selbst lesen zu können. Lesen und Schreiben war in der athenischen Gesellschaft des 7. Jahrhunderts v. Chr. ein Privileg der Reichen und Gebildeten. Wollte jemand aus dem Volk wissen, was auf den Blöcken stand, so musste er jemanden fragen, der des Lesens kundig war.

Nur ein Teil der damals von Drakon veröffentlichten bzw. erlassenen Gesetze ist heute noch bekannt. Die Holzblöcke gibt es nicht mehr, und so ist man bei der Rekonstruktion auf die Angaben antiker Schriftsteller angewiesen. Manche der Bestimmungen machen verständlich, warum man bis heute von „drakonischer Härte“ oder „drakonischer Strenge“ spricht. Bei „Müßiggang“, dem Stehlen von Feldfrüchten oder dem Raub von Gegenständen aus einem Tempel beispielsweise blühte den Übeltätern die Todesstrafe. Andere Gesetze waren wiederum eher von Milde gekennzeichnet. Wer aus Notwehr tötete, sollte straffrei bleiben. Wenn ein betrogener Ehemann seinen Nebenbuhler tötete, so hatte dies ebenfalls keine strafrechtlichen Konsequenzen. In den chaotischen Zeiten der Blutrache hatte der Ehemann damit rechnen müssen, dass er von der Familie seines Opfers getötet wurde.

Einige antike Quellen sprechen auch davon, dass Drakon in Athen eine neue politische Verfassung eingerichtet hat. Doch diese Informationen sind sehr unsicher. Sie entsprechen der Verfahrensweise der griechischen Quellen, ihre Demokratie möglichst früh anzusetzen. Dabei war Drakon alles andere als ein lupenreiner Demokrat. Nie hat er daran gedacht, dem Adel Macht abzunehmen und das Volk mit größeren politischen Rechten auszustatten. Ihm ging es einzig und allein darum, mehr Rechtssicherheit zu schaffen und damit für mehr Ruhe im Staat zu sorgen. Und doch sind seine Maßnahmen ein erster wichtiger Schritt auf dem Weg zur ersten Demokratie der Weltgeschichte gewesen.

Den zweiten Schritt vollzog einige Jahre später der Aristokrat Solon. 594 v. Chr. von seinen Standesgenossen zum „Versöhner“ zwischen Adel und Volk gewählt, legte er ein umfangreiches Reformpaket vor. Zentral war die Einteilung der Bevölkerung in vier Gruppen, wobei das bestimmende Prinzip das jeweilige Vermögen darstellte. Wer reicher war als andere, hatte künftig im Staat mehr zu sagen als diejenigen, die über weniger Mittel verfügten. Grundsätzlich war mit dieser „Timokratie“, wie sie die alten Griechen nannten (was so viel wie „Geldherrschaft“ bedeutet), die Macht des Adels gebrochen. Denn nun qualifizierte nicht mehr die adlige Abstammung, sondern allein das Vermögen über das Maß der politischen Mitbestimmung. Die Folge war, dass nun auch reiche Händler und Kaufleute, die nicht zu adligen Familien gehörten, in die Gruppe der politischen Elite aufsteigen konnten.

508 v. Chr. ordnete Kleisthenes die Verfassung neu und gab ihr einen noch stärkeren demokratischen Charakter, insbesondere durch eine Neueinteilung der Bürgerschaft und die Einführung des Scherbengerichts. Bei diesem Verfahren konnten die Bürger von Athen einmal im Jahr darüber abstimmen, ob es einen Politiker gab, der wegen undemokratischen Verhaltens für zehn Jahre in die Verbannung geschickt wurde. Als 450 v. Chr. Perikles und Ephialtes dem Areopag, dem einst mächtigen Adelsrat, die wichtigsten Befugnisse nahmen, war der Weg zur Demokratie, den einst Drakon – ohne es zu wollen – beschritten hatte, vollendet.