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Holger Sonnabend - Geschichte aktuell

Die Göttin, die Schwalbe, der Aal und die Demokratie

 

Als einmal der Redner Demades in einer Staatsangelegenheit eine Rede in der Volksversammlung hielt, wurde es den Athenern langweilig, und sie hörten nicht mehr recht zu. Da brach er seine Rede ab und bat um die Erlaubnis, ihnen eine Fabel von Äsop zu erzählen. Das Volk stimmte freudig zu, und er begann: „Die Göttin Demeter, eine Schwalbe und ein Aal machten einmal zusammen eine Wanderung. Als sie an einen Fluss kamen, flog die Schwalbe über ihn hinweg, und der Aal schwamm durch ihn hindurch.“ Als Demades so weit gekommen war, verfiel er in Schweigen und machte Anstalten, die Rednertribüne zu verlassen. „Aber was tat denn Demeter?“ wollten die Athener wissen. Demades antwortete: „Die ist böse auf euch, weil ihr die politischen Angelegenheiten vernachlässigt und euch lieber Fabeln des Äsop anhört.“

Rednertribüne auf der Pnyx in Athen

Diese Szene spielte sich in der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts v. Chr. ab. Damals hatten die Athener schon lange eine Demokratie – sogar die erste Demokratie der Weltgeschichte. Aber immer mehr Menschen fanden die Politik öde und langweilig. Zu den Sitzungen der Volksversammlung kamen sie auch nur, weil man ihnen dafür Diäten bezahlte – eine segensreiche Erfindung der Griechen, für die bis heute Parlamentarier in aller Welt dankbar sind. Nur geht es in heutigen Demokratien nicht mehr darum, lustlose Demokraten zur Wahrnehmung ihrer Rechte und Pflichten zu veranlassen, sondern, wie es offiziell heißt, die finanzielle Unabhängigkeit der Volksvertreter zu gewährleisten.

Wer in einer Demokratie keine Lust zur Politik hat, überlässt das Feld denjenigen, die darin eine Chance erblicken, ihre eigenen Überzeugungen durchzusetzen und Macht zu gewinnen. Auch das ist bereits eine antike Erfahrung. In Athen übernahmen die „Demagogen“ das Ruder. Das Wort bedeutet eigentlich „Volksführer“. So wurden jene Politiker genannt, die es verstanden, den Stimmungen im Volk Ausdruck zu verleihen. Doch bald wandelten sich die Demagogen von Volksführern zu Volksverführern. Sie zwängten den Menschen ihre eigene Meinung auf und redeten ihnen ein, dass es sich dabei um ihre eigenen Ansichten handele. Nur wussten die Opfer der Demagogen bald nicht mehr, wem sie Glauben schenken sollten. Denn es traten viele rivalisierende Demagogen auf, die alle den Anspruch erhoben, die Wahrheit für sich gepachtet zu haben. Und so zogen sie sich wieder in die politische Apathie zurück.

Deswegen las ihnen Demades an jenem denkwürdigen Tag gehörig die Leviten. Sie hörten, so lautete sein Vorwurf, lieber schöne Geschichten, als sich mit der Politik zu beschäftigen. Den Fabeln des ebenso berühmten wie legendären Dichters Äsop lauschten sie besonders gern. Doch Demades war kein Demagoge. Er nutzte die Geschichte von der Göttin, dem Aal und der Schwalbe nur dazu, um seine Mitbürger an ihre Verantwortung für den Staat zu erinnern. Hatte seine Initiative Erfolg? Wurden die Athener jetzt wieder begeisterte Demokraten? Unglücklicherweise hatten sie nicht mehr viel Gelegenheit, sich eines Besseren zu besinnen. Denn bald übernahmen die Makedonen die Regie. Nach dem Tod ihres berühmten Königs Alexander des Großen schafften sie die Demokratie in Athen ab und ersetzten sie durch eine Oligarchie. Ihrer demokratischen Rechte beraubt, die sie zuletzt nicht mehr wahrgenommen hatten, konnten sich die Athener nun wieder voll und ganz den schönen Geschichten des Fabeldichters widmen.