Frauke und Holger Sonnabend
Frauke und Holger Sonnabend

Geschichte aktuell

Faszinierende Zivilisation: Die Minoer auf Kreta

 

Das große Abenteuer der Wissenschaft begann am 23. März 1900. Schauplatz: Die Insel Kreta, ein Ort ein paar Kilometer südlich der Hauptstadt Heraklion. Die Formalitäten mit Behörden und Institutionen waren geregelt. Arthur Evans konnte sich mit seinem Team endlich an die Arbeit machen. Hier, unter diesem Hügel, war er überzeugt, lag das legendäre Knossos. An jenem denkwürdigen Tag erfolgte der erste Spatenstich, denen noch Tausende weitere folgten.Was der britische Archäologe der staunenden Öffentlichkeit in den folgenden Jahren als Ergebnis seiner Arbeit präsentierte, war eine echte Sensation. Nach und nach kam eine riesige, raffiniert verschachtelte Palastanlage zum Vorschein. So etwas kannte man bisher nur aus Ägypten und Mesopotamien. Jetzt war für ihn der Beweis erbracht, dass jene alten griechischen Berichte recht hatten, die von einem König Minos sprachen, der von Knossos aus ein großes Reich regierte.

Arthur Evans

Mit Unterbrechungen arbeitete Evans 35 Jahre an dem Projekt Knossos. Der von ihm ausgegrabene Palast ist ein Magnet für Touristen aus aller Welt. Sie erfreuen sich an den großzügigen Rekonstruktionen, an dem Thronsaal, dem Badezimmer, dem Labyrinth. In der Fachwelt überwiegen die kritischen Stimmen. Evans habe, so der Vorwurf, mit zu viel Beton, viel zu viel Fantasie und zu wenig historischer Korrektheit gearbeitet. Er habe zu viel an den Buckingham Palast und zu wenig an antike Palastarchitektur gedacht. Aber so argumentierten Neider aus dem Kollegenkreis, nachdem der Archäologe 1911 von König George V. in den Adelsstand erhoben worden war und sich nun Sir Arthur Evans nennen durfte.

Nach König Minos, dem angeblichen Hausherrn von Knossos, bezeichnete Evans die frühe Hochkultur auf Kreta als die „Minoische Kultur“. Dabei hat es einen König Minos nie gegeben, ebenso wenig wie seinen beiden Brüder Rhadamantys und Sarpedon, die in den Palästen von Phaistos und Malia residiert haben sollen. Ihre mythische Existenz haben den späteren – immer noch antiken -  Griechen zu verdanken, die von einer großen Vergangenheit Kretas wussten, sie aber nicht mit konkreten Namen verbinden konnten. Und so trat an die Stelle der Realität der Mythos. Minos war ein Gesetzgeber, und natürlich hatte er auch eine schöne Tochter. Sie hieß Ariadne und half dem athenischen Helden Theseus, der nach Kreta gekommen war, um den Minotaurus auszuschalten. Dieses Ungeheuer, halb Mensch, halb Stier, hauste im Palast von Knossos in einem Labyrinth und verspeiste dort vorzugsweise Menschen. In regelmäßigen Abständen mussten die Athener junge Frauen und junge Männer nach Knossos schicken, die dem Minotaurus zum Fraß vorgeworfen wurden. Theseus machte dem Spuk ein Ende, mit Unterstützung der Ariadne, die ihm mittels eines Fadens – des sprichwörtlichen Ariadne-Fadens- half, wieder aus dem Labyrinth herauszufinden.

Theseus und der Minotauros

In Wirklichkeit sind die Namen der Könige, die in Knossos und den anderen Palästen residierten, nicht bekannt. Zwar hatten die „minoischen“ Kreter eine Schrift, aber sie liefert keine Informationen über Staat und Gesellschaft. Die von der Sprachwissenschaft als Linear A bezeichnete Schrift diente allein wirtschaftlichen Zwecken. Zwar ist Linear A bis heute nicht entziffert, doch weiß man, dass es sich bei den Texten, die auf Tontafeln, Siegeln und Inschriften erhalten sind, um Inventurlisten von Produkten aus der königlichen Palastwirtschaft handelt. Dahinter stand ein ausgeklügeltes System. Die Bauern lieferten Öl und Getreide, das im Palast in Magazinen gehortet wurde. So verlor der Herrscher nie die Übersicht über die landwirtschaftlichen Ressourcen.

Von 2100 bis 1400 v. Chr. spielten sie im Konzert der mediterranen Großmächte eine wichtige Rolle. Sie verfügten über stabile politische Strukturen. Was der Mythos auf die Leistung eines einzelnen „Minos“ reduzierte, war in Wirklichkeit das Werk vieler Herrscher. Knossos war Zentrale und Regierungssitz. Hier fielen die politischen Entscheidungen, in enger Absprache mit dem Adel, dessen Protagonisten in den anderen Palästen um die Geschäfte kümmerten. Neben Malia und Phaistos war Kato Zakros eine wichtige Außenstelle. Dieser Palast wurde erst 1961 wieder entdeckt. In den Mythen der alten Griechen wird er nicht erwähnt. Wahrscheinlich ist er nach dem Untergang der minoischen Kultur früh in Vergessenheit geraten. Und so brauchte der Mythos auch keinen weiteren Bruder des Minos zu erfinden.

Palastanlage von Petras bei Sitia

In den letzten Jahren sind bei intensiven Grabungen im Osten Kretas weitere Paläste zum Vorschein gekommen. Sie haben in jüngster Zeit zu erheblichen Fortschritten bei der Bewertung der ersten europäischen Hochkultur geführt.

Die Stärke der Kreter beruhte auf ihrem Reichtum. Im 2. Jahrtausend v. Chr. gab es keine Macht, die es im Mittelmeer in wirtschaftlicher Hinsicht mit ihnen aufnehmen konnte. Sie knüpften ein engmaschiges Netz von Handelsbeziehungen, das von Ägypten bis nach Sizilien reichte. Dank der Reichtümer, die sie anhäuften, hatten es die Kreter auch nicht nötig, eine Armee aufzubauen. Auf ihrer Insel waren sie ohnehin geschützt, und Kriege mussten sie nicht führen, weil sie mit ihren überlegenen Wirtschaft alles unter Kontrolle hatten. Lieber gönnten sie sich einen opulenten Lebensstil, von denen die bunten Fresken mit beneidenswert heiteren, fröhlichen Motiven beredtes Zeugnis ablegen.

Ein Problem waren allerdings die häufigen Erdbeben. Mal mehr, mal weniger schlimm, waren sie stete Begleiter des täglichen Lebens. Um 1900 v. Chr., als Kreta gerade dabei war, in seine Blütezeit einzutreten, zerstörte ein verheerendes Erdbeben alle Paläste und die meisten Wohnhäuser, die aber rasch wieder aufgebaut wurden. Weil man glaubte, dass solche Katastrophen von den Göttern geschickt wurden, versuchte man sie mit Zeremonien zu versöhnen und ging ansonsten wieder optimistisch ans Tagewerk.

Knossos

Naturkatastrophen stehen auch ganz oben auf der Liste, wenn man nach den Umständen fragt, die für den Untergang der blühenden Hochkultur der Minoer verantwortlich gewesen sind. Dieser Untergang vollzog sich abrupt und plötzlich, scheinbar ganz ohne Vorwarnung. Die archäologischen Befunde sind eindeutig. 1450 v. Chr. wurden alle großen Paläste zerstört. Mit Ausnahme von Knossos wurden sie nicht wieder in Betrieb genommen. Doch führten in der Zentrale nicht mehr die alten Minoer die Regie, neue Herren übernahmen das Ruder.

1939 überraschte der griechische Archäologe Spyridon Marinatos Fachpublikum und Öffentlichkeit mit einer spektakulären These. Demnach sei für den Untergang der minoischen Kultur auf Kreta ein Vulkanausbruch auf der Insel Santorin verantwortlich gewesen. Die Insel wurde buchstäblich in die Luft gesprengt. Die Eruption, so meinte Marinatos, habe eine gigantische Flutwelle ausgelöst, die sich auf das 100 Kilometer südlich gelegene Kreta ergossen und zusammen mit einem Hagel aus Bimsstein ein Inferno herbeigeführt habe, das zu dem desaströsen Zerstörungswerk führte. Diese Theorie gilt inzwischen als überholt. Der Vulkanausbruch auf Santorin fand, wie geoarchäologische Untersuchungen von Aschepartikeln im Grönlandeis gezeigt haben, um 1620 v. Chr. statt. Das ist gut 200 Jahre früher als die Katastrophe, die zum Ende der kretischen Paläste und der minoischen Kultur führte. Auch die besten Freunde von Marinatos mussten einsehen: So lange brauchte keine Flutwelle, um von Santorin nach Kreta zu gelangen.

Palast von Kato Zakros

Also gilt es, nach anderen Gründen für den Untergang der minoischen Kultur zu suchen. Gab es ein verheerendes Erdbeben, stärker als alle anderen zuvor? Oder war kriegerische Einwirkung verantwortlich? Sind die friedlichen Kreter Opfer einer feindlichen Invasion geworden? Oder hat es einen Aufstand der Bevölkerung gegeben?

Wahrscheinlich verhielt es sich so: Der Vulkanausbruch von Santorin hatte keine langfristigen negativen Auswirkungen. Doch die Zahl der Erdbeben nahm zu, mit negativen Folgen für Wirtschaft und Infrastruktur. Die Herrschenden hatten es schwerer, bei der Bevölkerung Akzeptanz zu finden. Der soziale Frieden geriet in Gefahr. Einen Aufstand gab es allerdings nicht, darin hatten die Kreter keine Übung. Sie zweifelten aber zunehmend daran, dass die Götter auf ihrer Seite standen. In diesem Klima der allgemeinen Verunsicherung geschah das denkbar Ungünstigste: Um 1450 v. Chr. kam es erneut zu einem schweren Erdbeben, das praktisch alle Gebäude dem Erdboden gleich machte.

Zur selben Zeit begann auf dem griechischen Festland der Höhenflug einer im Gegensatz zu den Minoern sehr kriegerischen Kultur. Die Mykener, benannt nach einer Burg auf der nördlichen Peloponnes, zogen auf der Suche nach Ruhm, Ehre und Beute über die Meere. Auch das einst so reiche, sagenhafte Kreta nahmen sie ins Visier. Die von dem letzten schweren Beben geplagte und geschwächte Insel hatte den Kriegern vom Festland wenig entgegenzusetzen. Die Mykener bauten Knossos wieder auf und lenkten von hier nunmehr die Geschicke der Insel. Die Minoer waren Geschichte – bis sie Arthur Evans wieder zum Leben erweckte.

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