Frauke und Holger Sonnabend
Frauke und Holger Sonnabend

Geschichte aktuell

Futur hat Konjunktur: Propheten heute und gestern

Apollontempel in Delphi

Nie gab es in den Medien so viele Aussagen im Futur wie heute. Nie zuvor ist man so viel gewarnt worden. Es wird noch schlechter werden, die Zeiten werden noch härter, wir alle werden uns einschränken müssen, XY warnt vor … Propheten haben ganz offensichtlich Hochkonjunktur. Eigentlich erfreulich, wie hoch das Potenzial an Menschen ist, die genau wissen, wie alles sein wird und wie sich die Dinge entwickeln werden. Da lagen bisher Kräfte und Talente brach, die nun zum Glück aus dem Schatten in das helle Licht der Öffentlichkeit treten und mit ihren visionären Fähigkeiten dazu beitragen, dass sich keiner mehr so richtig wohlfühlt. Und man darf auch froh sein, dass die lange arg vernachlässigte grammatikalische Form des Futurs endlich wieder zu Ehren kommt. Da nimmt man es auch gerne in Kauf, das die meisten Prognosen negativ sind. Dafür gibt es zwei Erklärungen. Erstens: Nur schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten, sagt eine alte Journalisten-Weisheit. Und zweitens: Endlich werde ich mal gehört, sagen sich diejenigen, die gerne düstere Prophezeiungen verbreiten. Was die Empfänger solcher Behauptungen allerdings nicht tun dürfen, ist, Prognosen auf ihre Richtigkeit hin überprüfen. Das ist gegen die Spielregeln. Sie sind nicht dazu da, die Zukunft transparenter, sondern die Gegenwart düsterer zu machen.

Kassandra

Neu ist das alles nicht. Nur die Masse der Prophezeiungen hat wegen der vielen Möglichkeiten medialer Streuung eine bisher unbekannte Dimension erreicht. Wie immer ist ein Blick in die Geschichte außerordentlich hilfreich. Berufsmäßige Untergangs-Prognostiker sollten, bevor sie sich an die Öffentlichkeit wenden, einen Schnellkurs bei Kassandra, der Mutter aller Warner, absolvieren. Im griechischen Mythos ist sie die Tochter des Priamos, des Königs von Troja. Die Stadt hatte eine düstere Zukunft vor sich, weil sie dazu bestimmt war, von den Griechen zerstört zu werden. Kassandra hatte eine Liaison mit dem Gott Apollon, der ihr zum Dank die Gabe vermittelte, in die Zukunft zu blicken. Als sie sich weigerte, die Verführungskünste des Gottes für unwiderstehlich zu halten, rächte sich der frustrierte Gott, indem er dafür sorgte, dass keiner ihren desaströsen Prognosen Glauben schenkte. Die sprichwörtlichen Kassandra-Rufe verhallten ungehört. Sie warnte die Trojaner vor der Entführung der Helena – und keiner hörte darauf. Sie warnte die Trojaner vor dem Trojanischen Krieg – und keiner hörte darauf. Sie warnte die Trojaner davor, das hölzerne Pferd des listenreichen Odysseus in die Stadt zu holen – und keiner hörte darauf. Kassandra hat einfach zu oft gewarnt, das nahm ihren Warnungen die Glaubwürdigkeit. Schon wieder Kassandra …, stöhnten die Menschen – und dabei hatte sie doch am Ende sogar in allem recht.

Die Pythia

Apollon war auch in der berühmten Orakelstätte in Delphi aktiv. Hier war eine Pythia genannte Priesterin im Dauereinsatz, die Fragen über die Zukunft an den Gott weiterleitete und die Auskünfte an die Kundschaft weitergab. Professionelle Warner und Zukunftsdeuter der Gegenwart sollten auch einen Delphi-Schnellkurs belegen. Hier können sie die hohe Kunst lernen, wie man die Trefferquote bei Prognosen deutlich verbessern kann. Die Antworten waren mehrdeutig und eröffneten damit die Chance, bei einer evidenten Fehlprognose immer noch behaupten zu können, die Leute hätten da etwas falsch verstanden. Der Klassiker war der Fall Krösus. Der steinreiche König der Lyder fragte in Delphi nach, ob er einen Krieg gegen die Perser wagen solle. Die Antwort: Wenn du das tust, wirst du ein großes Reich zerstören. Krösus führte Krieg, verlor, beschwerte sich bei der Pythia und erhielt die Auskunft: Mit dem großen Reich war dein eigenes gemeint.

Der Heilige Hieronymus

Das Orakel von Delphi war klug genug, nie ein apokalyptisches Szenario wie den Weltuntergang vorherzusagen. Eine solche Prophetie ist einerseits viel zu hoch gehängt und andererseits zu leicht zu überprüfen. Und bisher ist die Welt auch trotz unzähliger Prophezeiungen dieser Art nicht von der Bildfläche verschwunden. In der Geschichte waren solche Radikalvisionen meist religiös motiviert und daher vom Glauben und nicht vom Wissen gelenkt. Auch hier gibt es einen Klassiker. Im Jahre 410 stürmten und plünderten die Westgoten die altehrwürdige Stadt Rom. Als sie wieder abgezogen waren, krempelten die einen die Ärmel hoch und räumten auf, die anderen jammerten und klagten, wie der Kirchenfürst Hieronymus: „Die Stimme stockt mir, vor Schluchzen kann ich nicht weiter diktieren.“ Wenn Rom untergeht, wird die ganze Welt untergehen, meinte er. Das war nachweislich nicht der Fall, hielt aber viele religiös inspirierte Menschen auch in der Zukunft nicht davon ab, immer wieder vor dem Weltuntergang zu warnen.

Die Grotte der Sibylle in Cumae

Die besten Prognosen sind die, die man trifft, wenn man wirklich weiß, was sein wird. Ungekrönte Meister der Retrospektiv-Prognose mit Zutreffgarantie waren die Oracula Sibyllina, eine in der Antike viel konsultierte Instanz mit dem Anspruch, für verunsicherte Menschen in die Zukunft zu blicken. Sie gaben, so die geniale Geschäftsidee, bereits Geschehenes als noch zu Geschehendes aus. Wenn es zum Beispiel ein Erdbeben gab, holte man eine frisch verfasste Prophezeiung aus der Schublade, die bereits 50 Jahre vorher diese Katastrophe angeblich vorhergesagt haben sollte. Alle waren mächtig beeindruckt. Das war die hohe Kunst der Prognose. Sie befreite von dem Risiko, mit seiner Prophezeiung am Ende falsch zu liegen und in den Verdacht zu geraten, nur Unruhe stiften zu wollen.

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