Frauke und Holger Sonnabend
Frauke und Holger Sonnabend

Geschichte aktuell

Heraklit: „Der Krieg ist der Vater aller Dinge“

 

Ein angenehmer Zeitgenosse war Heraklit nicht. Zu diesem Urteil muss man zwangsläufig kommen, auch wenn zu berücksichtigen ist, dass man in der Antike gegenüber berühmten Philosophen häufig ungerecht gewesen ist. Schon Thales von Milet, der Begründer der ionischen Naturphilosophie, wurde zur Zielscheibe neidischer Zeitgenossen, die sich daran delektierten, wenn sie ihm peinliche Geschichten andichten konnten. Zu den Klassikern zählt die Szene, wie der zerstreute Gelehrte beim Betrachten des nächtlichen Sternenhimmels in einen Brunnen fiel.

Heraklit

Deshalb ist es grundsätzlich empfehlenswert, gegenüber antiken Philosophen-Anekdoten eine kritische Distanz zu bewahren. Es muss also nicht unbedingt stimmen, wenn von Heraklit behauptet wurde, er habe eine ihm angetragene, gut dotierte Priesterstelle abgelehnt und sei als Aussteiger ins Gebirge gezogen, wo er in der Nähe eines Heiligtums gelebt habe und schließlich dort gestorben sei. Gerne stellte die Legende die Forscher als weltfremde, Gestalten dar, die es nicht schafften, sich im normalen Leben zurecht zu finden. Doch reichen diese möglichen Entlastungsgründe nicht aus, um Heraklit von dem Verdacht frei zu sprechen, als Mensch ziemlich ungenießbar gewesen zu sein. Dafür gibt es zu viele glaubwürdige Zeugnisse, die ihn – unabhängig voneinander – als eine arrogante und überhebliche Persönlichkeit porträtieren. Diese Haltung resultierte zum einen aus seiner intellektuellen Brillanz, die ihn alles Mittelmaß verabscheuen ließ. Zum anderen spielte die soziale Herkunft eine wichtige Rolle. Etwa um das Jahr 540 v. Chr. wurde Heraklit in der an der kleinasiatischen Westküste gelegenen Stadt Ephesos geboren. Die Familie gehörte zur einheimischen Aristokratie, und von daher verfügte Heraklit über ein entsprechendes Standesbewusstsein. Für die demokratischen Bestrebungen, die sich in Ephesos bemerkbar machten, hatte er nur Verachtung übrig. Seiner Ansicht nach bedeutete Demokratie die Aufwertung des Pöbels, und er richtete an seine Mitbürger den freundlichen Rat, sie sollten sich doch alle am besten aufhängen. Hintergrund dieser drastischen Forderung war die Behandlung seines Freundes Hermodoros, den die Bewohner von Ephesos mit der Begründung ausweisen wollten, sie könnten jemanden, der im Besitz überragender Fähigkeiten war, nicht in ihrer Mitte dulden.

Ephesos

Doch nicht allein Demokraten und Kleinbürger erregten den Zorn des streitbaren Heraklit. Auch die intellektuelle Prominenz blieb von teilweise hämischer Kritik nicht verschont. So ließ er kaum ein gutes Haar an griechischen Geistesgrößen wie den gefeierten Dichtern Homer, Hesiod und Archilochos, dem bekannten Philosophen Xenophanes oder dem einflussreichen Historiker und Geographen Hekataios aus dem benachbarten Milet. Dem verdienten Mathematiker und „Satz“-Hersteller Pythagoras unterstellte er gar, ein „Schwindler“ und „Betrüger“ zu sein.

Zur gelehrten Attitüde Heraklits, der sich seiner außerordentlichen Intelligenz stets bewusst war und der dies seiner Umgebung auch deutlich vor Augen zu führen pflegte, gehörte es weiterhin, sich möglichst unklar, wenn nicht gar völlig unverständlich auszudrücken. Kaum jemand, nicht einmal die gelehrte Welt, war in der Lage, seine philosophischen Sentenzen auf den ersten Blick oder nach dem ersten Hören zu verstehen. Und das war alles so beabsichtigt. Nur geniale Geister sollten das Privileg haben, die Worte des großen Heraklit zu dechiffrieren. Schon zu Lebzeiten verlieh man ihm daher den Beinamen „der Dunkle“ oder auch „der Rätseler“. Diese Attribute bezogen sich auch darauf, dass man hinter dem, was er sagte, immer tiefsinnige Weisheiten vermutete, die sich dem normalen Verstand nicht ohne weiteres erschlossen. „Alles geschieht nach dem Verhängnis“ gehörte noch zu den einfacheren Sätzen. Schwieriger wurde es, wenn der Philosoph aus Ephesos verlauten ließ: „Die Natur liebt es, sich zu verbergen.“ Wenig Hoffnung schöpften Menschen, die Heraklit wieder einmal verprellt hatte, aus dem Satz „Ich erforschte mich selbst.“ Denn selbstbewusst gab er damit zu Protokoll, dass er keinen anderen Forscher als seinen Lehrer anerkennen wollte, sondern sich ganz auf die eigene Ingeniosität verließ.

Heraklit und Demokrit

Als berühmtester Ausspruch Heraklits gilt das „Panta rhei“ („Alles fließt“). Kurioserweise stammt ausgerechnet dieser Satz nicht von ihm selbst. Spätere Rezipienten haben einen seiner philosophischen Kerngedanken in diese einprägsame Formel gekleidet. Gemeint war damit die Überzeugung Heraklits von der Bewegtheit und dem ewigen Wechsel des Daseins. Er beteiligte sich damit an einer Diskussion, die innerhalb griechischer Gelehrtenzirkel zu heftigen Kontroversen führte. Letztlich ging es Heraklit wie den zeitgenössischen Kollegen Parmenides und Empedokles um die Lösung der Frage, wie die Welt aufgebaut ist und wie sie funktioniert. Es bedarf keiner besonderen Erwähnung, dass sich Heraklit auch gegenüber diesen beiden berühmten Forschern überlegen fühlte. Die Idee von einer Welt, in der sich alles im Fluss befindet, hat Heraklit original mit dem Satz beschrieben: „Denen, die in dieselben Flüsse steigen, strömen andere und andere Wasserfluten zu.“ Derselbe Gedanke kommt in einer anderen Sentenz zum Ausdruck: „In dieselben Flüsse steigen wir und steigen wir nicht, wir sind und wir sind nicht.“

Heraklit nahm mit dieser Überzeugung eine dezidierte Gegenposition insbesondere zu den Lehren des Parmenides ein, wobei nicht sicher ist, ob er von den Arbeiten des Kollegen bereits in vollem Umfang Kenntnis hatte. War der Forscher aus Ephesos der Meinung, es gebe in der Welt nur ein ewiges Werden und Vergehen und alles beharrende Sein beruhe auf Täuschung, so postulierte der in Elea in Süditalien beheimatete Permanides, das Sein sei „unentstanden, unvergänglich, unteilbar“. In der Welt gebe es eben kein Werden und Vergehen und auch keine Vergangenheit und Zukunft. Die statische Weltsicht des Parmenides konkurrierte also mit der dynamischen Weltsicht des Heraklit. Später profitierte Demokrit von diesem Streit, als er seine Lehre von der Atomistik entwickelte.

Der Olymp

Forschung war zu Zeiten Heraklits reine Kopfsache. Alle seine Lehren beruhten auf Spekulation und nicht auf praktischer Erfahrung. So war auch eine andere berühmte Theorie des streitbaren Mannes aus Ephesos das Ergebnis langen und angestrengten Nachdenkens. Ausgangspunkt war ein Satz, der allerdings wie „Alles fließt“ das Schicksal erlebte, in späteren Zeiten komprimiert, aber auch missverständlich zitiert zu werden. Heraklit selbst hat jedenfalls nie gesagt: „Der Krieg ist der Vater aller Dinge“. Authentisch ist dagegen der Ausspruch: „Kampf ist der Vater von allem, ist der König von allem: Die einen macht er zu Göttern, die anderen zu Menschen, die einen zu Sklaven, die anderen zu Freien.“ Wieder einmal hatte „der Dunkle“ mit denjenigen gespielt, die er an dem tieferen Sinn seiner Weisheiten nicht teilhaben lassen wollte. Bei den überlieferten Sätzen handelt es sich nicht, wie man annehmen darf, um aus dem Zusammenhang gerissene Fragmente. Heraklit liebte den rätselhaften, fein geschliffenen Aphorismus. Das Kampf-Zitat war kein Plädoyer für den Krieg. Vielmehr diente es dazu, seine Lehre von der Dialektik des Gegensätzlichen zu illustrieren. Die Welt stellte er sich als eine Einheit von Gegensätzen vor. Aus dem Prinzip des Kampfes aber kann eine neue Ordnung, ein neuer „Kosmos“ entstehen.

Ein aufgeklärter Geist wie Heraklit wollte auch nicht an einen Göttervater Zeus glauben, der mit seiner ganzen Familie auf dem Olymp thronte. Überhaupt stand er den mythologischen Vorstellungen der Zeit kritisch gegenüber. Den geläufigen religiösen Auffassungen stellte er die Idee von einem „Logos“ entgegen, einem göttlichen Vernunftprinzip, das er für alles Geschehen auf der Welt verantwortlich machte. Eine wichtige Rolle spielte in seinem Weltmodell auch das Feuer, das für ihn den dauernden Wandel aller Dinge symbolisierte. Dass ihm die meisten Zeitgenossen in dieser Hinsicht nicht zu folgen bereit waren, wenn sie ihn denn überhaupt verstanden, war für einen von sich selbst überzeugten Charakter wie Heraklit eher ein Kompliment. Gelassen registrierte er den Widerspruch und nahm ihn, unbescheiden und eitel wie er war, als Bestätigung seiner überragenden intellektuellen Fähigkeiten.

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