Frauke und Holger Sonnabend
Frauke und Holger Sonnabend

Geschichte aktuell

Immer der Erste sein: Das letzte Universalgenie der Antike

Poseidonios

Im 1. Jahrhundert v. Chr. war die Zeit der Universalgelehrten eigentlich vorbei. Seit den Tagen eines Aristoteles, der noch auf den unterschiedlichsten Gebieten als kompetenter Forscher tätig gewesen war, hatte sich in den Wissenschaften viel getan. Kaum einer hatte mehr den Überblick über das Ganze. Das kreative und innovative Zeitalter des Hellenismus, das mit den Eroberungszügen Alexanders des Großen eingeläutet worden war, produzierte nicht mehr Generalisten, sondern Spezialisten.

Vor diesem Hintergrund erscheint die Persönlichkeit des Poseidonios von Apameia fast wie ein Anachronismus. Er war, wie einst Aristoteles, auf vielen Feldern zu Hause. Man konnte ihn als Philosophen bezeichnen, als Historiker, als Geographen, als Astronomen, als Mathematiker. Dabei war er alles andere als ein Dilettant, sondern in jeder einzelnen Disziplin war er ein Meister seines Fachs. Diese Leistungsfähigkeit ist um so erstaunlicher, als sich Poseidonios durchaus nicht ausschließlich auf eine Karriere als Wissenschaftler konzentrierte. Auch die Politik hatte es ihm angetan.

 

Lindos auf Rhodos

Die Wiege dieser bemerkens-werten Persönlichkeit stand im syrischen Apameia. Das war eine bedeutende Stadt, die im Reich der hellenistischen Seleukiden-Dynastie eine herausragende Rolle spielte. Als Poseidonios hier um 135 v. Chr. geboren wurde, hatten die einst ruhmreichen Seleukiden allerdings den Zenit ihrer Macht bereits überschritten. Ständige Auseinandersetzungen mit den benachbarten Ptolemäern in Ägypten, zunehmende imperiale Aktivitäten der Römer und Rivalitäten innerhalb der Herrscherfamilie hinterließen ihre Spuren. Poseidonios kehrte der Heimat als junger Mann den Rücken und begab sich nach Athen, wo er Schüler des einflussreichen Philosophen Panaitios wurde. Der Gelehrte aus Rhodos war der wichtigste zeitgenössische Repräsentant der stoischen Philosophie. Er verfügte über exzellente Kontakte zu römischen Aristokraten, denen er das Gedankengut der Stoa dadurch näher brachte, dass er stärker als seine Vorgänger das Ideal des leidenschaftslosen, seine Pflichten als Staatsbürger erfüllenden Weisen akzentuierte. Poseidonios profitierte sowohl von den Lehren des Meisters als auch von dessen Beziehungen zu prominenten Römern. Später konnte er so berühmte Persönlichkeiten wie Cicero und Pompeius zu seinen Freundden zählen.

Als Panaitios 110 v. Chr. starb, verließ Poseidonios Athen und ließ sich auf der Insel Rhodos, der Heimat des Lehrers, nieder. So eifrig und erfolgreich widmete er sich hier seinen diversen Studien, dass er bald an Ruhm und Popularität mit Panaitios aufnehmen konnte. In Rhodos wusste man das Wirken des fremden Gelehrten zu schätzten und honorierte seine auch für das Renommee der Insel förderlichen Verdienste mit der Verleihung des Bürgerrechts. Als von Panaitios geprägter Stoiker wusste Poseidonios um seine bürgerlichen Pflichten, und so verweigerte er sich nicht, als ihm die neuen Mitbürger das oberste politische Amt eines Prytanen antrugen.

Pompeius

Da der Ruhm des Poseidonios inzwischen auch bis nach Italien vorgedrungen war, hielten es die Rhodier für einen klugen Schachzug, ihn zum Mitglied einer Gesandtschaft zu ernennen, die sich 87 v. Chr. in politischen Angelegenheiten auf den Weg nach Rom machte. Aktuell brauchte man die Unterstützung der Römer, um sich gegen die Angriffe des pontischen Königs Mithradates zur Wehr zu setzen. Poseidonios, der nie etwas falsch machte, erfüllte natürlich die in ihn gesetzten Erwartungen und hinterließ bei den Römern darüber hinaus einen nachhaltigen persönlichen Eindruck. Er wirkte sogar stilbildend: Künftig gehörte es zum guten Ton, dass römische Aristokraten, die sich im Osten aufhielten, Poseidonios in Rhodos ihre Aufwartung machten. Allein zweimal stattete ihm der mächtige Pompeius einen Besuch ab. Beim ersten Mal gab ihm der Gelehrte den von Homer geborgten Rat: „Immer der Erste sein und und die Anderen überragen.“ Beim zweiten Mal war Poseidonios in einer schlechten körperlichen Verfassung. Er litt an Gicht, und als Pompeius ihn auf sein schweres Gichtleiden ansprach und und seinem Bedauern Ausdruck verlieh, dass er nun wohl keinen Vortrag hören könne, antwortete der Philosoph „Ich werde es nicht zulassen, dass körperlicher Schmerz es bewirkt, dass ein solcher Mann vergeblich zu mir kommt.“ Den Vortrag hielt er dem beeindruckten Pompeius im Liegen, und wenn ihn dabei der Schmerz packte, rief er aus: „Du vermagst nichts, Schmerz! Obwohl du beschwerlich bist, werde ich niemals gestehen, du seiest ein Übel.“

Historien des Poseidonios

Wenn Poseidonios nicht in Rhodos lehrte, forschte oder Gäste aus Rom empfing, war er selber auf Reisen. Es gab kaum eine Region in der Mittelmeerwelt, die er nicht aus eigener Anschauung kannte. Seine Fahrten führten ihn in den Vorderen Orient und nach Griechenland, Nordafrika, Sizilien, Südgallien und Spanien. Diese Reisen dienten ausnahmslos Forschungszwecken. Die Welt konnte man nach Ansicht des Poseidonios nicht allein vom Schreibtisch aus verstehen. Letztlich war das breit gefächerte Spektrum der wissenschaftlichen Interessen des Poseidonios auch nur Konsequenz der grundsätzlichen Überzeugung, dass sich die Welt in all ihren Erscheinungsformen nur aus dem Geist der Philosophie erklären lässt. Die Philosophie der Stoa war für Poseidonios der Schlüssel zur universalen Deutung der Welt. Geographie, Ethnographie, Historiographie, Mathematik und all die anderen Wissenschaften, denen er sich widmete, waren also nichts anderes als Teildisziplinen der Philosophie. Von ihm selbst ist ein Ausspruch bezeugt, bei dem er die Philosophie mit einem menschlichen Lebewesen verglich: Die Naturphilosophie sei das Fleisch und Blut, die Logik Knochen und Sehnen, die Ethik (als die wichtigste Komponente) die Seele.

Aus diesem unermüdlichen Suchen und Forschen im stoischen Sinn resultierten zwei Werke, die aus der umfangreichen Produktion dieses universal gebildeten Gelehrten herausragen. Die Schrift „Über den Ozean“ war das Ergebnis seiner Forschungsreise in den fernen Westen, die ihn bis zu den „Säulen des Herakles“, also der Straße von Gibraltar, geführt hatte. Poseidonios teilte die konventionelle Sicht, dass die Erde eine vom Atlantischen Ozean umflossene Insel sei. Aufschlussreiche Beobachtungen gelangen ihm bei Gades (Cadiz) zu dem Phänomen von Ebbe und Flut. Doch in der für ihn typischen Weise beließ es der rhodische Forscher nicht bei der reinen Beschreibung der geographischen und naturräumlichen Verhältnisse. Sein Interesse galt auch hier dem Aufspüren jener Kräfte, welche die Welt und den Kosmos zusammenhalten. Sowohl im Buch „Über den Ozean“ als auch in anderen Werken machte er die „Sympathie“ verantwortlich. Mit dieser für ihn zentralen Kategorie meinte er den organischen Zusammenhang aller zwischen Himmel und Erde befindlichen Teile der Welt.

Iulius Caesar

Das Bestreben, das Besondere aus dem Allgemeinen abzuleiten, machte sich auch in einem zweiten Hauptwerk bemerkbar. Hier handelte es sich um ein umfangreiches Geschichtswerk mit dem Titel „Historiai“. Behandelt hat er in dieser, nach dem Vorbild des Polybios gestalteten Universalgeschichte den Zeitraum von der Zerstörung Karthagos durch die Römer im Dritten Punischen Krieg (146 v. Chr.) bis zur Eroberung von Athen durch den pontischen König Mithradates im Jahre 86 v. Chr. Was diesem zeitgeschichtlichen Buch seinen besonderen Rang verlieh, waren die Ausführungen über zahlreiche Völker des griechisch-römischen Kulturkreises wie Kelten, Germanen und Juden. Gemäß einer schon älteren Theorie vom Zusammenhang zwischen der Mentalität eines Volkes und den klimatischen Verhältnissen erklärte der Römerfreund Poseidonios den Umstand der römischen Weltherrrschaft mit der idealen Mittellage Italiens zwischen extremen Klimapolen. Für die hellenistische Staatenwelt sah er hingegen völlig realistisch das Ende nahen.

Poseidonios lebte bis 51 v. Chr. und erreichte das hohe Alter von etwa 84 Jahren. Er starb rechtzeitig, um nicht mehr die römischen Bürgerkriege miterleben zu müssen, in denen sein Freund Pompeius gegenüber Iulius Caesar den Kürzeren zog und schließlich, nur drei Jahre nach dem Tod des Poseidonios, ein tragisches Ende fand. Caesar war nie der Freund des Poseidonius gewesen. Beherzigt hat aber auch er die einst an Pompeius gerichtete Empfehlung des großen Universalgelehrten, immer der Erste sein zu wollen. Lieber der Erste in einem kleinen Dorf in der Bergen als der Zweite in Rom sein, soll er gesagt haben. So viel Selbstbewusstsein und Zielstrebigkeit hätte ganz sicher den Beifall des Poseidonios gefunden.

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