Die Angelsachsen und die Legende von König Artus
Angeln plus Sachsen ergibt Angelsachsen. Die Jüten waren auch dabei, werden aber meistens unterschlagen. Auf jeden Fall gaben die Ankömmlinge aus Norddeutschland und Skandinavien der Geschichte und Kultur Englands ein ganz neues Profil. Mitten in diesem Szenario steht König Artus, eine bis heute prominente Lichtgestalt der frühen Geschichte Englands.
Dass die Angelsachsen kamen, lag auch an einem frühen Brexit, nur in umgekehrter Richtung. 410 verließen die letzten römischen Legionen die Insel, weil sie auf dem Festland gebraucht wurden. Dort konnten sie den Verfall und das Ende des Römischen Reiches auch nicht mehr aufhalten. Die keltische Bevölkerung Britanniens war über den Abzug der Römer nicht gerade glücklich. Dank der Römer waren mediterrane Kultur, Infrastruktur und Technologie eingezogen. Und es hatte viele, auch familiäre Verbindungen zwischen Kelten und Römern gegeben. Die Römer hatten sie auch vor den rebellischen Völkern in Schottland geschützt. Seit dem 2. Jahrhundert hatte der Hadrians-Wall, benannt nach Kaiser Hadrian, die Grenze zwischen dem römischen und dem „barbarischen“ Teil Britanniens markiert.
Den Abzug der römischen Truppen sahen die germanischen Sachsen, Angeln und Jüten als freundliche Einladung an, ihre Bemühungen um die Okkupation der Insel zu intensivieren. Angelockt wurden sie von der trotz aller Krisen immer noch beträchtlichen wirtschaftlichen Prosperität auf der Insel. Und sie hörten auch gerne auf Hilferufe keltischer Fürsten, die in ihnen, wie zuvor bei den Römern, Verbündete im Kampf gegen die Pikten in Schottland sahen. Doch da sie schon einmal da waren, kehrten sie nicht über den Kanal in die Heimat zurück, sondern blieben im Lande, in der erklärten Absicht, selbst die Herrschaft zu übernehmen.
Freiwillig aber wollten die Briten nicht kapitulieren. Sie leisteten erbitterten Widerstand, und im ganzen Land kam es zu heftigen Auseinandersetzungen. Doch am Ende mussten die Verteidiger die Überlegenheit der Angreifer anerkennen. Die Invasoren waren klug genug, sich nicht in Einzelaktionen zu verzetteln. Statt dessen setzten sie auf koordinierte Unternehmungen geschlossener Flottenverbände. Schier unerschöpflich war der Vorrat an Schiffen, die von den Mündung der Elbe aus in See stachen und nach zehn Tagen die Insel erreichten. So hatten es die Insulaner nun mit einer übermächtigen Koalition aus Angeln, Sachsen und Jüten zu tun.
Ab 500, gut 100 Jahre nach dem Abzug der Römer, hatten die Angelsachsen die Insel fest in der Hand. Während auf dem Kontinent andere germanische Stämme wie Franken, Goten, Burgunder und Langobarden um das Erbe der Römer kämpften, etablierten sich die Angelsachsen in geschützter Insellage als neue Herrscher Britanniens. Die einheimischen Kelten und die im Lande verbliebenen Römer waren nicht begeistert, gewöhnten sich aber an die neuen Verhältnisse und leisteten bald keinen Widerstand mehr.
Als die Angeln, Sachsen und Jüten kamen, herrschte in Britannien König Artus. In zahlreichen Schlachten bot er mit seinen legendären Rittern der Tafelrunde um Lancelot und Parzival den Eindringlingen Paroli. So erzählen es die Mythen und Legenden, versehen mit allen Zutaten spannender Abenteuergeschichten. Sie erzählen von dem Zauberer Merlin, dem Schwert Excalibur, von Guinevere, der untreuen Gattin des Artus, und von Tintangel, der Residenz des Artus in Cornwall. Mit seinen Rittern gehörte Artus zu den beliebtesten Sagenstoffen des Mittelalters. Literarische Pionierarbeit leistete im 12. Jahrhundert der gelehrte Geschichtsschreiber Geoffrey von Monmouth mit seiner „Historia Regum Britanniae“, der „Geschichte der Könige Britanniens“. Romane und Spielfilme strickten auch in der Neuzeit am Bild des tapferen König Artus. Dass es um 500 aber wirklich einen König Artus gegeben hat, darf mit Fug und Recht in das Reich der Fabel verwiesen werden. Sein Name steht vielmehr für viele, heute nicht mehr bekannte
Fürsten aus der keltisch-römischen Bevölkerung, die sich an die Spitze des Widerstands gegen die Angelsachsen stellten. In der fiktiven Figur Artus hat sich der Stolz der Briten, ihr Streben nach Unabhängigkeit und Freiheit eine bis heute wirkende Symbolfigur geschaffen.
Das hindert natürlich nicht daran, sich an seinen Abenteuern zu erfreuen und jene Orte zu besuchen, an denen die Legende sein Wirken verortet hat.