Frauke und Holger Sonnabend
Frauke und Holger Sonnabend

Geschichte aktuell

Gut reden ist alles. Demosthenes und der Weg zum Erfolg

 

Wir reden nicht, wir handeln. Es ist höchste Zeit, etwas zu tun. Geredet wurde genug, jetzt heißt es anpacken. Es ist nicht fünf vor, sondern fünf nach zwölf – alles Parolen, die man von Politikern häufig, vor allem im Wahlkampf hört. Aber trotz solcher Bekundungen wird lieber geredet als gehandelt.

Demosthenes

Der rednerische Auftritt, wo auch immer er stattfindet, ist in einer Demokratie nach wie vor das wichtigste Medium, die Menschen zu erreichen, sie zu beeindrucken, ihnen Versprechungen zu machen, eine rosige Zukunft aufzuzeigen oder sie im Gegenteil mit Bedrohungsszenarien zu erschrecken. Wer keine so gute Performance hat, versucht es mit Twitter-Botschaften. Aber von diesen gibt es inzwischen täglich so viele, dass die einzelne Nachricht, wenn sie nicht sofort untergeht, nur eine sehr begrenzte Halbwertzeit besitzt. Und viele sind auch nur aus dem Bauch heraus formuliert, als Schnellschüsse ohne eingebaute Qualitätssicherung. Nachhaltige Wirkung erzielt nur das gesprochene Wort.

Die erste Demokratie der Welt gab es vor 2500 Jahren in Athen. Sie bietet Anschauungsunterricht für alles, was mit Demokratie zu tun hat – und daher auch für alles, was mit dem richtigen und erfolgreichen oder auch mit dem falschen Reden zu tun hat. Die freie Rede, „isegoria“ genannt, war ein zentrales Wesenselement der griechischen Demokratie. Sie implizierte sowohl das Recht zu reden, als auch das Recht, das zu sagen, was man sagen wollte, ohne Gefahr zu laufen, dafür sanktioniert zu werden. Die Sprache war dazu da, für die eigene Position zu werben, mit den besseren Argumenten zu überzeugen und nicht mit dem Anspruch, die alleinige Wahrheit gepachtet zu haben.

Die Pnyx in Athen

Bei alledem galt auch: Bloß keine Langeweile erzeugen und lange Statements mit Einschlafpotenzial zu verbreiten. Wichtig war daher eine klare Ansprache und eine klare Aussprache. Das Volk wollte die Politiker verstehen – akustisch und inhaltlich. In dieser Hinsicht war die athenische Demokratie eine harte Schule. Es handelte sich um eine direkte Demokratie, und die Argumente wurden in der Versammlung des Volkes ausgetauscht.

Meister aller Klassen in der Disziplin „Gutes Reden“ war Demosthenes, der berühmteste Redner der Antike, der von 384 bis 322 v. Chr. lebte. Sein kommunikatives Talent war ihm nicht in die Wiege gelegt worden. Anfangs hatte er große Probleme. Seine Sprache hörte sich gewunden und gekünstelt an. Außerdem litt die Verständlichkeit des Gesagten unter einem zu schwach entwickelten Stimmvolumen, einer undeutlichen Aussprache und Kurzatmigkeit.

So gingen seine ersten Auftritte in der Volksversammlung gründlich daneben. Doch Demosthenes jammerte nicht und sann auf Abhilfe. Ergebnis des intensiven Nachdenkens war die Kieselstein-Therapie: Der künftige Star auf der politischen Bühne von Athen stopfte sich Steine in den Mund und deklamierte gleichzeitig längere Passagen aus den Werken bekannter Autoren. Damit beseitigte er die Undeutlichkeit seiner Aussprache, weil die Zunge gezähmt wurde.

Ein Redner auf der Pnyx

Eine Variante dieser Praxis bestand darin, mit Kieselsteinen im Mund gegen die Brandung des Meeres anzuschreien. Hatte er mal keine Steine im Mund, hielt sich Demosthenes gerne in den Bergen Attikas auf. Während er nach oben kletterte, hielt er mit lauter Stimme Reden für ein nicht anwesendes Volk. Der Sinn der Übung: Schulung der Atemtechnik und Stärkung des Stimmvolumens. Zu Hause stellte er sich vor einen großen Spiegel und trainierte Gestik und Mimik. Das war genauso wichtig wie die Stimm- und Atemschulung. Die ausgefeilteste Redefigur konnte, so wusste er, noch erheblich an Wirkung gewinnen, wenn sie von entsprechenden Bewegungen unterstützt wurde. Auch kümmerte er sich um die Perfektion seines Sprachstils. So wurde er zum Erfinder der rhythmischen Vorschrift, nicht zwei kurze Silben aufeinander folgen zu lassen. Die heute von politisch überkorrekten Journalisten verwendete Schluckauftechnik wäre dem großen Meister ein Gräuel gewesen.

So mischte er sich bald in die politischen Debatten ein, bestach mit seiner Rhetorik, mit der unnachahmlichen Beherrschung sämtlicher Stilarten, mit einem untrüglichen Gespür für die in der jeweiligen Situation angebrachte Form der Rede, dazu mit einem Pathos und mit einer Leidenschaft, die es den Hörern unmöglich machte, bei einer Demosthenes-Rede einzuschlafen. Kritik kam von, wie es heißt, „besseren Leuten“, die sein Gebärdenspiel für „niedrig, unfein und affektiert“ hielten. Aber das waren Nörgler und Neider, die in Wirklichkeit bedauerten, dass sie selbst nicht über die Qualitäten eines Demosthenes verfügten.

Philipp II. von Makedonien

In seiner langen Laufbahn als Politiker hat Demosthenes unzählige Reden gehalten. Seine besten Ansprachen galten einem Thema, das damals die Gemüter wie kein anderes erhitzte. Es war die Zeit, als der makedonische König Philipp II., der Vater Alexanders des Großen, sich anschickte, die Führungsrolle in der griechischen Welt zu übernehmen. Demosthenes war ein erbitterter Gegner des Königs. Er fürchtete um die Freiheit der Griechen, sah sie schon als Untertanen der Makedonen und hielt auch nichts von Philipps Versprechungen, ihnen gegen den Erzfeind aus Persien zu helfen. Seine Reden gegen Philipp machten die sprichwörtliche Philippika als den Typus einer Brandrede gegen einen despotischen Herrscher salonfähig. „Bildet euch keinen Augenblick ein“, ermahnte er einmal, in unnachahmlicher rhetorischer Diktion, seine athenischen Mitbürger, „dass dieselben Umstände Philipp und den von ihm Unterworfenen Befriedigung geben können. Sein Ziel und sein Ehrgeiz ist der Ruhm. Seine Methode besteht darin, zu handeln und Gefahren auf sich zu nehmen, sein Endziel ist es, der größte und berühmteste in der Geschichte der makedonischen Könige zu werden. Das will er lieber als Sicherheit.“

Nicht alle beurteilten die Verhältnisse so wie Demosthenes. Philipp genoss in Griechenland viele Sympathien. Dennoch gelang es Demosthenes, eine breite Widerstandsfront zu organisieren. Die verlorene Schlacht von Chaironeia in Böotien (338 v. Chr.) aber brachte das von Demosthenes befürchtete Ende der griechischen Freiheit. Nun herrschten die Makedonen, und Philipps Sohn Alexander der Große warf die Perser nieder und eroberte den Orient bis nach Indien. Demosthenes, als ewig Gestriger verschrien, blieb seiner ablehnenden Haltung treu. Ein letzter Versuch, nach dem frühen Tod Alexanders (323 v. Chr.) die Autonomie der Griechenstädte wiederherzustellen, scheiterte. Demosthenes musste aus Athen fliehen, wurde noch einmal zurückgeholt, dann aber, auf Initiative makedonenfreundlicher Kreise, zum Tode verurteilt. 322 v. Chr. beging der größte Redner der Antike im Poseidontempel von Kalaureia Selbstmord durch Gift.

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