Frauke und Holger Sonnabend
Frauke und Holger Sonnabend

Geschichte aktuell

Wie man Politiker dechiffriert – Eine antike Analyse

 

Er war einer der größten Schriftsteller der Antike – der Grieche Plutarch, der von etwa 45 bis 120 n. Chr. lebte. Seine Lebenszeit fiel in die Glanzzeit des Römischen Imperiums. Auch seine Heimat Griechenland stand unter der Herrschaft der Römer. Plutarch war ungemein fleißig und produktiv, die Ergebnissseine literarischen Aktivitäten füllen ganze Regale. Und er verfügte über

tiefe Einsichten in die menschliche Natur und den menschlichen Charakter.

Die Moralia

Seinen bis heute andauernden Ruhm verdankt er, neben einer „Moralia“ benannten Sammlung von Schriften, seiner Tätigkeit als Biograph. Die Spezialität im Rahmen dieses Produktionszweiges waren die vom Konzept her außerordentlich originellen „Parallelbiographien“. Aus großen Figuren der griechischen und der römischen Geschichte bildete der Autor 24 Paare, bestehend jeweils aus einem Griechen und einem Römer. Hintereinander beschrieb er deren Leben, um sie anschließend einer vergleichenden Betrachtung zu unterziehen. Die Zusammenstellung dieser Paare war dabei nicht willkürlich. Vielmehr wählte er als Kriterium eine Gemeinsamkeit, die diese Persönlichkeiten miteinander verband. So stellte er dem Athener Theseus den Römer Romulus an die Seite, weil beide als Staatsgründer in Erscheinung getreten waren. Alexander den Großen kombinierte er mit Iulius Caesar, weil sich beide Meriten als Eroberer erworben hatten. Demosthenes verband er mit Cicero, weil sie die größten Redner der Antike gewesen waren.

Alexander der Große

Als der Grieche Plutarch schrieb, lagen die großen Zeiten der Hellenen schon lange zurück. Griechenland war Teil des römischen Weltreiches geworden. Der griechische Patriot, der Plutarch auch war, wollte zeigen, dass die Griechen einst ebenfalls ein bedeutendes Volk mit herausragenden Politikern und Feldherrn gewesen waren, deren Leistungen sich durchaus mit denen der großen Römer messen konnten. Neben der Aufwertung des Griechentums ging es bei den Parallalelbiographien auch um die Unterstützung der Bemühungen von Kaisern wie Traian und Hadrian, griechische und römische Kultur zu harmonisieren und zu einer Synthese zu formen. So konnte der Philosoph Plutarch am Ende eines erfüllten Lebens zufrieden konstatieren, auch eine wichtige kulturpolitische Mission erfüllt zu haben.

Die Parallelbiographien

Historisch war die Zusammenstellung der Parallelbiographien nicht immer geglückt, ganz abgesehen davon, dass die Paare aus jeweils unterschiedlich Epochen der Geschichte stammten. Doch wollte Plutarch auch gar nicht geschichtlich fundierte Lebensbeschreibungen mit allen persönlichen Facetten präsentieren. Ihm kam es auf den Charakter der Porträtierten an, mit dem Ziel, die Leser anhand dieser positiven oder negativen Beispiele dafür zu sensibilisieren, was man von politischen Führungspersönlichkeiten und ihrer Glaubwürdigkeit zu halten hatte. Zentral für sein Denken ist eine Aussage, die Plutarch der Biographie Alexanders des Großen vorangestellt hat: „Ich schreibe nicht Geschichte, sondern zeichne Lebensbilder, und hervorragende Tüchtigkeit und Verworfenheit offenbart sich durchaus nicht in den aufsehenerregendsten Taten, sondern oft wirft ein geringfügiger Vorgang, ein Wort oder ein Scherz ein bezeichnenderes Licht auf den Charakter als Schlachten mit Tausenden von Toten.“ Scheinbare Kleinigkeiten und Nebensächlichkeiten, so die Botschaft des weisen Griechen an die Nachwelt, verraten viel mehr über den Charakter eines Menschen als große Worte und Taten. Sie dürfen daher bei der Beurteilung nicht vernachlässigt werden, sondern sind im Gegenteil ganz zentral.

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