Frauke und Holger Sonnabend
Frauke und Holger Sonnabend

Geschichte aktuell

Kein Grund zum Pessimismus: Arnold Toynbee und die Zukunft der Geschichte

Arnold Toynbee

Arnold Toynbee, am 14. April 1889 in London geboren, wuchs in der Blütezeit des viktorianischen Großbritannien in gut bürgerlichen Verhältnissen auf. Von Haus aus war ihm der Weg zum Historiker nicht vorgezeichnet. Der Vater Harry war in einer Wohltätigkeits-Organisation tätig, der Großvater war Augenarzt, der Urgroßvater Landwirt gewesen. Auf die Frage, warum er ausgerechnet Historiker geworden sei, antwortete Toynbee später mit typisch englischem Humor: „Aus demselben Grund, aus dem ich Tee und Kaffee ohne Zucker trinke. Beide Gewohnheiten wurden bei mir in jungen Jahren ausgebildet, denn meine Mutter ging mir darin voran. Ich bin Historiker, weil meine Mutter Historikerin war.“

Mehr als die Mutter prägte den jungen Toynbee das Studium am Oxforder Balliol College. Hier widmete er sich intensiv den Kulturen der Antike und den griechischen und lateinischen Klassikern. Bereits in diesen frühen Jahren reifte in Toynbee jene globale und epochenübergreifende Sicht auf die Geschichte, die für seine späteren Werke charakteristisch werden sollte. Dass die Antike den Ausgangspunkt seiner Studien darstellte, wurde von entscheidender Bedeutung. Die griechisch-römische Kultur galt ihm als der historische Modellfall für die Entwicklung und den Verlauf von Zivilisationen schlechthin, dies jedoch nicht in dem platten Sinn einer unumstößlichen Vorbildhaftigkeit der Antike. Vielmehr war die Zeit der Griechen und der Römer für Toynbee ideales Anschauungsmaterial für das Werden und Vergehen von Kulturen. Nicht der Passion für die Antike, sondern emotionaler Wertschätzung ist der Umstand zuzuschreiben, dass der aufstrebende Gelehrte 1913 Rosalind Murray heiratete.

University of London

Doch mag es ihm durchaus vorteilhaft erschienen sein, dass er auf diese Weise Gilbert Murray zum Schwiegervater bekam. Dieser war damals einer der bekanntesten und einflussreichsten Klassischen Philologen, der sich unter anderem mit Editionen des griechische Dramatikers Euripides einen Namen gemacht hatte. Außerdem war er ein prominentes Mitglied der Liberalen Partei. Aus der Ehe mit Rosalind gingen drei Söhne hervor. Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges führte Toynbee aus der alten Geschichte in die harte Realität der Gegenwart zurück. Während des Krieges arbeitete er für das britische Außenministerium im Political Intelligence Department und war dort für den Nahen Osten zuständig. Bei den internationalen Verhandlungen nach dem Ende des Krieges fungierte er 1919 als britischer Delegierter bei der Pariser Friedenskonferenz. Für eine in historischen Kategorien denkende Natur wie Arnold Tonybee waren die Erlebnisse des Ersten Weltkrieges indes nicht eine Unterbrechung seines Nachdenkens über den Gang und die Gesetze der Geschichte. Vielmehr gab die große menschliche Katastrophe der Jahre zwischen 1914 und 1918 einen weiteren Anstoß, um den Schlüssel zu entdecken, der die Tür zur Erkenntnis öffnete. Der Plan, ein großes geschichtsphilosophisches Opus zu schreiben, begann in seinem Kopf immer klarere Konturen anzunehmen.

Gleich nach dem Ausflug in die Politik trat Toynbee seine erste akademische Stelle an. Noch 1919 wurde er Professor für Byzantinische Geschichte an der Universität London. Fast gleichzeitig veröffentlichte der deutsche Gelehrte Oswald Spengler den ersten Band seines Buches „Der Untergang des Abendlandes“. Nach der Lektüre dieses Werkes war Toynbee einigermaßen irritiert. Denn Spengler hatte viele seiner eigenen Ideen, die sich noch im Zustand der Formung befanden, vorweg genommen.

Oswald Spengler

Spenglers Lehre von der Entstehung, dem Wachstum, dem Verlauf und der Auflösung der Zivilisation gipfelten in einer düsteren Prognose, die dem Buch seinen Titel gab. Aber bald fasste sich Toynbee wieder. Das Werk des deutschen Kollegen versetzte ihn sogar in die Lage, dessen Konzepte und seine eigenen Vorstellungen einer kritischen Überprüfung zu unterziehen. An Spenglers Entwurf störte ihn vor allem der Dogmatismus in der Argumentation und der Determinismus, mit dem er biologische Gesetzmäßigkeiten auf das Werden und Vergehen anwandte. Toynbee sah darin einen Gegensatz der Traditionen: „Hier wurde mir ein Unterschied der nationalen Überlieferungen bewusst. Wo die deutsche a priori-Methode versagte, wollte ich doch sehen, was englischer Empirismus vermochte.“

Das Vorhaben, dem Spenglerschen Modell einen eigenen, mehr an den Realitäten orientierten Plan der Kulturentwicklung entgegen zu stellen, führte bei Toynbee zu dem Entschluss, die Professur für Byzantinistik aufzugeben. Statt dessen übernahm er 1925 in London eine Professur für Internationale Geschichte und dazu den Direktorenposten am Royal Institute of International Affairs. Dieser Wechsel war kein Zufall, sondern von programmatischer Bedeutung. Auch aufgrund seiner persönlichen Erfahrungen, die er während des Ersten Weltkrieges in der Politik gemacht hatte, wagte er sich an den Spagat, der Geschichte einen Sinn zu geben und gleichzeitig die auf diese Weise gewonnenen Erkenntnisse für die praktische Politik seiner Zeit nutzbar zu machen.

Diese doppelte Aufgabe spiegelte sich ab 1925 auch in Toynbees täglicher Arbeit wider. In seiner Eigenschaft als Leiter des königlichen Instituts gab er den „Survey of International Affairs“ heraus, eine Darstellung und Kommentierung des aktuellen politischen Weltgeschehens. Seine scharfen und präzisen Analysen brachten ihm viel Anerkennung ein. Eine wichtige Hilfe war ihm bei dieser Arbeit seine Assistentin und Sekretärin Veronica Boulter. Diese Beziehung beschränkte sich allerdings nicht allein auf die berufliche Ebene. 1946 ließ sich Arnold Toynbee von seiner ersten Ehefrau scheiden und heiratete seine Mitarbeiterin.

Parallel zu dieser Tätigkeit beschäftigte sich Toynbee jetzt intensiv mit dem ehrgeizigen Projekt einer an den Thesen Spenglers orientierten, diese aber gleichzeitig korrigierenden Universalgeschichte. Nach neunjährigen Studien erschienen 1934 die ersten Bände dieses monumentalen, Werkes, dem der Autor den bescheidenen Titel „A Study of History“ gab. 20 Jahre später lag das Werk in nunmehr zehn Bänden vollständig vor, nachdem die Welt in der Zwischenzeit einen weiteren globalen Krieg hatte erleben und erleiden müssen. In Toynbees Analyse vom „Gang der Weltgeschichte“, wie der Titel der deutschen Übersetzung lautete, war nur wenig zu spüren von Spenglers pessimistischen Prognosen. Die Weltgeschichte gliederte der Historiker in 21 Einzelkulturen und analysierte sie im Hinblick auf ihr Wachstum und ihren Fall. Und wenn auch viele Hochkulturen wie die alten Ägypter oder die Römer einmal untergegangen waren, so bedeutete dies für Toynbee nicht, dass es eine zyklische Gesetzmäßigkeit des Aufstiegs und des Abstiegs gebe: „Steht auch uns dieser schematische Niedergang und Verfall und die Vernichtung bevor, der zu entgehen keine Kultur erwarten darf? Nach Ansicht des Verfassers gibt es auf diese Frage nur ein entschiedenes Nein. Wir sind nicht zur Wiederholung der Geschichte verdammt, es ist uns vielmehr freigestellt, ihr in unserem Falle eine neue, noch nicht dagewesene Wendung zu geben.“

Die Hoffnung, die Toynbee aus der Analyse der Geschichte schöpfte, gründete sich auf seine Überzeugung, dass nichts vollständig vergehe und dass es demzufolge auch zwischen den Kulturen Verknüpfungen und Zusammenhänge gebe, die ein Weiterwirkungen ermöglichten. Je älter Toynbee wurde, desto wichtiger wurde ihm die Rolle der Religion, was allerdings nicht daran gelegen haben dürfte, dass seine zweite Ehefrau aus einer Pfarrersfamilie stammte. Vielmehr dürften hier die Erfahrungen des Zweiten Weltkrieges eine wichtige Rolle gespielt haben. Ab dem 7. Band der „Study“ entwickelte Toynbee die Vision einer geeinten Welt auf dem Fundament einer geeinten Kirche („universal church“). Er träumte von einer heilsgeschichtlich bestimmten Vereinigung der großen Weltreligionen unter dem Dach der christlichen Kirche. An diesen Ideen entzündete sich die Kritik von Fachgelehrten und Publizisten, die überdies seine großen Geschichtsdeutungen für fragwürdig und im Detail schlicht für falsch hielten. Auf der anderen Seite mussten ihm auch die schärfsten Gegner Anerkennung zollen für seine unbestreitbaren Verdienste um eine universale und globale, von nationalen Egoismen freie Sicht auf die Geschichte. Als der bis ins hohe Alter wissenschaftlich aktive Toynbee im Oktober 1975 starb, hatte er sich längst den Ruf als einer der wichtigsten Geschichtsphilosophen des 20. Jahrhunderts gesichert.

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