Frauke und Holger Sonnabend
Frauke und Holger Sonnabend

Geschichte aktuell

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Der Hildesheimer Silberschatz

Leseprobe aus der Neuerscheinung

"Die Antike in Berlin"

Der Hildesheimer Silberschatz hat alle Zutaten, die Archäologie und Geschichte so spannend machen. Schon allein den Namen umweht der Hauch von Geheimnis und Abenteuer. Ein Schatzfund regt immer die Fantasie an. Wer hat diesen Schatz wann und warum vergraben, und weshalb haben diejenigen, die ihn vergraben haben, nicht wieder aus dem Boden hervor geholt? Und wer hat ihn dann schließlich gefunden? Im Alten Museum hat der wertvolle Fund, sorgfältig und akkurat in seine 77 Einzelteile aufgereiht, einen prominenten, nicht zu übersehenden Platz in einer großzügig gestalteten Vitrine in Raum 5 im Obergeschoss.

„Hildesheimer Silberschatz“ heißt der Schatz, weil er in der niedersächsischen Stadt Hildesheim gefunden wurde. Ansonsten hat er mit Hildesheim nicht viel zu tun. Denn er stammt aus einer Zeit, als es Hildesheim, das in der 2. Hälfte des 9. Jahrhunderts die Bühne der Geschichte betrat, noch gar nicht gegeben hat. Der Silberschatz von Hildesheim ist ein Römerschatz, der auf dem Boden des späteren Hildesheim vergraben wurde. Allerdings lag die Stelle, an dem der Schatz in der Römerzeit vergraben wurde, weit außerhalb des Römischen Reiches. Sie befand sich im tiefen Germanien, weit weg vom Rhein, der in dieser Zeit die Grenze des Imperiums markierte. Daher gehört zu den vielen Fragen, die mit diesem Schatz verbunden sind, die Frage, wie ein wertvolles römisches Tafelgeschirr den weiten Weg ins Barbaricum, wie die Römer sagten, gefunden hat, in ein Gebiet, das nach römischer Deutung von kulturlosen, unzivilisierten Germanen bewohnt wurde. Mit dieser Einstellung kompensierten die erfolgsverwöhnten Herrscher und Besieger der Welt den Umstand, dass es jenseits des Rheins noch eine „Germania libera“. ein „freies Germanien“ gab.

 

Die Entdeckung des Schatzes war ein klassischer Zufallsfund. Am 17. Oktober 1868 kam er nach jahrhundertelanger Verborgenheit im Boden wieder ans Tageslicht. Als die in preußischen Diensten stehenden Soldaten des 3. Hannoverschen Infanterie-Regiments am Morgen dieses denkwürdigen Tages zum Spaten griffen, um den Kugelfang für eine Schießanlage in den Südwesthang des Hildesheimer Galgenberges zu ergraben, ahnten sie noch nicht, dass sie später in jeder Publikation zum Hildesheimer Silberschatz Erwähnung finden würden. Am Abend wussten sie immerhin schon, dass sie sich mit ihrer Arbeit nicht nur Verdienste um den Kugelfang einer Schießanlage erworben hatten. Denn da waren sie im Boden in einer Tiefe von 1,5 bis 2 Metern auf einige Metallobjekte gestoßen, mit denen sie allerdings zunächst nicht allzu viel anfangen konnten, obwohl sie stark nach alten Gefäßen und Schalen aussahen. Sie waren Soldaten und keine Archäologen, und außerdem hatte sich der einstige Silberglanz durch den langen Aufenthalt unter der Erde zu einem eher unansehnlichen Chlorsilber verfärbt. Die Militärs gingen mit den Funden auch nicht sehr sorgfältig um, was man ihnen natürlich nicht vorwerfen kann. Aber es ging schon viel zu Bruch, auch bei der rustikalen Säuberung mit Bürsten, und manches wurde auch nicht einmal geborgen, sondern blieb in der Umgebung verstreut. Auf drei großen Schubkarren wurde die unerwartete Beute anschließend in die Kaserne transportiert. Inzwischen waren auch Neugierige an der Fundstelle erschienen, und einige der Stücke wanderten in die Privathäuser Hildesheimer Bürger. Später, als bekannt wurde, was da entdeckt worden war, gaben manche ihre Beute zurück, doch andere Teile des Fundes blieben für immer verschwunden.

 

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