Eine Welt im Aufbruch – Griechenland in archaischer Zeit
Die Phase zwischen etwa 800 und 500 v. Chr. ist die „archaische“ Zeit Griechenlands. Der Begriff stammt aus der Kunstgeschichte und soll aussagen, dass in dieser Epoche die Griechen zwar Bedeutendes geleistet haben, aber noch nicht zur Vollendung gelangten. Dies sei erst in der nachfolgenden „klassischen“ Periode der Fall gewesen, als die Griechen absolute Höchstleistungen auf den Gebieten Politik, Wirtschaft, Kultur und Kunst vollbrachten.
Doch sollte die „archaisch“ genannte Zeit nicht dazu verleiten, sie als lediglich als eine Vorbereitung der Klassik zu definieren. Hier wurden wichtige Weichenstellungen vorgenommen, die dafür sorgten, dass die Kultur der Griechen ab dem 5. Jahrhundert v. Chr. im vollen Glanz erstrahlen konnte. In dieser Zeit formierten sich Kräfte und Energien, die dafür sorgten, die aus Griechenland jene viel bewunderten Hochkultur machte, für die berühmt geworden ist.
Eine der wichtigsten Errungenschaften war die Polis – ein Name, der sich bis heute in Begriffen wie „Politik“, „Polizei“ oder „Metropole“ erhalten hat. Die wirtschaftlichen Abläufe wurden durch die Einführung des Münzgeldes revolutioniert und optimiert. Im Rahmen der „Großen Kolonisation“ zogen die Griechen in die große weite Welt des Mittelmeeres und des Schwarzen Meeres hinaus und saßen, wie es der kluge Gelehrte Platon formulierte, „wie die Frösche um den Teich“.
Delphi und Olympia wurden zu Zentren von Religion und Sport und boten den Griechen, die politisch weitgehend isoliert in ihren Stadtstaaten leben, die Möglichkeit zu Kommunikation und Identitätsfindung. Eine wichtige Rolle spielte der Krieg – es ist kein Zufall, dass der Militärstaat Sparta in archaischer Zeit zum mächtigsten Faktor in der griechischen Staatenwelt wurde. Innenpolitisch war die archaische Zeit die große Epoche der Aristokraten und Tyrannen. Athen ging einen Sonderweg und begann mit der Entwicklung der Demokratie. Gleichzeitig profilierten sich eine Reihe klar zu benennender Persönlichkeiten, die aus der Anonymität des Kollektivs heraustraten und der Geschichte nun Namen gaben. So bedeutete die archaische Zeit das Ende der Grauzone zwischen Mythos und Realität, zwischen Fiktion und Fakt. Und nicht zuletzt war die archaische Zeit eine Epoche, in der die Literatur ihre erste Blütezeit in Europa erlebte. Ihr verdankt Odysseus, der legendäre König von Ithaka, seine beeindruckende Existenz.
Dies alles vollzog sich in der neuen politischen Organisationsform der Polis. Dabei handelte es sich um einen Stadtstaat, bestehend aus einem urbanen Zentrum und einem landwirtschaftlichen Umland. Jede Polis war eine autonome politische Einheit, mit eigenen Gesetzen, eigenen politischen Funktionsträgern, eigener Währung, eigenem Kalender, eigenen Maßen und Gewichten. In archaischer und auch in klassischer Zeit war Griechenland zu keinem Zeitpunkt eine übergreifende politische Einheit. Griechische Geschichte war die Summe der Geschichte der Stadtstaaten. In klassischer Zeit gab es weit über 700 solcher Einheiten.
Ein Charakteristikum der griechischen Polis war ihre Kleinräumigkeit. Die meisten Stadtstaaten verfügten über ein Territorium von nur bescheidener Größe. Damit korrespondierte eine, gemessen an modernen Vorstellungen von einer Stadt, geringe Zahl der Einwohner. Im Normalfall lebten in einer griechischen Polis nicht mehr als 2000 Menschen. Eine Polis wie Athen, die in klassischer Zeit 300.000 Einwohner hatte, war die absolute Ausnahme. Platon empfahl im 4. Jahrhundert v. Chr. eine Idealgröße von 5040 Menschen. Doch handelte es sich dabei nicht um einen praktischen Ratschlag. Der Gelehrte verwendete dabei eine vom Philosophen Pythagoras inspirierte Zahlenspielerei, indem er eine Multiplikation von 1x2x3x4x5x6x7 vornahm. Doch galt den Griechen eine überschaubare Zahl von Einwohnern als unabdingbar für das Funktionieren des politischen uns gesellschaftlichen Lebens. Im Idealfall sollte in einer Polis jeder jeden kennen. Mit Menschen, die anonym nebeneinander her lebten, war in der Auffassung der Griechen kein Staat zu machen.
Die Anfänge der Polis liegen am Ende der „Dark Ages“. Voraussetzung war, dass die sich in dieser Zeit vollziehenden Wanderungsbewegungen zu einem Abschluss kamen und von dauerhafter Sesshaftigkeit abgelöst wurden. Manche Städte wurden dort angelegt, wo sich bereits mykenische Siedlungen befunden hatten. Wesentlich bei der Ausformung der Polis waren die naturräumlichen Bedingungen. Griechenland präsentierte sich in der Antike als ein von Gebirgen zerklüftetes Land, das wenig Raum für größere Siedlungen bot. So schlossen sich die Menschen notwendigerweise in kleinen Einheiten zusammen. Jedoch gab es nicht nur im griechischen Mutterland solche Poleis, sondern auch auf den Inseln und in den Kolonialgebieten an der Westküste Kleinasiens, im Schwarzmeerraum und an den Küsten im westlichen Mittelmeer. Hier, in der Fremde, sahen sich die Siedler schon aus Gründen der Sicherheit dazu veranlasst, sich in isolierten städtischen Einheiten zusammenzuschließen.
Nicht überall setzte sich das Modell der Polis durch. So gab es im Norden, in Makedonien, ein größeres, monarchisch regiertes Territorium, das später unter Philipp II. und Alexander dem Großen bemerkenswerte imperiale Energien entwickelte. In anderen Regionen hielten sich, als Relikt der Wanderungszeiten, alte Stammesgesellschaften.
Wo aber die Polis dominierte, entwickelte sich ein intensives, aktives und dynamisches politisches Leben. Die Polis definierte sich nicht über das Territorium, sondern über die Einwohner. So nannte sich die Polis Athen „die Athener“, die Polis Korinth „die Korinther“, die Polis Theben „die Thebaner“. Jedoch waren nicht alle Menschen, die in der Polis lebten, vollgültige Angehörige des Stadtstaates. Entscheidend war das Bürgerrecht, erst dessen Besitz ermöglichte die Teilnahme am politischen Leben. In der Regel erwarb man diese Eintrittskarte in die Schaltzentralen der Macht durch Geburt, manchmal auch durch den Nachweis von Grundbesitz. Das Bürgerrecht konnte aber auch von der Stadt verliehen werden, sowohl an Einzelpersonen als auch an ganze Gruppen. Sklaven, Fremde und Frauen waren von den politischen Geschäften ausgeschlossen. So waren die Berechtigten in der Regel frei geborene Männer über 18 Jahren. Von der Verfassung her waren die Stadtstaaten der archaischen Zeit fast ausnahmslos aristokratisch regiert. Eine Ausnahme bildeten die Athener, die gegen Ende dieser Phase ein demokratisches Gemeinwesen aufbauten. Ansonsten aber teilten sich die Angehörigen des Adels die politische Macht. Institutionen der Adelsherrschaft waren der Rat, die Volksversammlung und der Kreis der „Beamten“, die in der Regel für die Dauer eines Jahres die politische Exekutive bildeten.
Kam der Bewohner einer Polis auf einer Reise in eine andere Polis, hatte er meist keine großen Schwierigkeiten, sich in der Stadt zurecht zu finden. Dieser erfreuliche Umstand ergab sich nicht nur aus der Tatsache, dass die meisten Poleis nicht besonders groß waren. Vielmehr wiesen die meisten Stadtstaaten dieselbe äußere Gestalt auf. Markanter Fixpunkt war die Akropolis, die „Spitze der Stadt“. Auf diesem geographisch dominierenden Hügel befanden sich die wichtigsten und ältesten Tempel der Stadt, dazu auch Befestigungsanlagen, die als Fluchtburgen für Krisenzeiten dienten. Unterhalb des Hügels erstreckten sich, neben den privaten Wohnhäusern, die offiziellen Gebäude. Sie befanden sich auf einem Areal, das die Griechen „Agora“ („Marktplatz“) nannten und das als politischer, religiöser und wirtschaftlicher Mittelpunkt der Stadt diente.
So war die archaische Zeit, anders, als es dieser Name nach seinem heutigen Sprachgebrauch vermuten lassen könnte, nicht etwa rückständig, sondern im Gegenteil kreativ, innovativ und inspirierend – Eigenschaften, mit denen die Griechen gut gerüstet waren für ihre einzigartige Erfolgsgeschichte.